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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Modernes Wundmanagement - wie funktioniert das?

von Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer, Medizinjournalistin, Nordhorn und Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

| In der letzten Ausgabe von PPA haben wir uns ausführlich mit den Grundlagen der Entstehung und Vorbeugung chronischer Wunden beschäftigt. Häufig lassen sich chronische Wunden jedoch trotz aller Präventionsmaßnahmen nicht vermeiden. In Deutschland sind über drei Millionen Menschen von einer chronischen Wunde betroffen. Am häufigsten kommt es dabei zu einem Ulcus cruris venosum („offenes Bein”), einem diabetischen Fußsyndrom oder einem Dekubitus (Druckgeschwür). |

Die Wundreinigung

Damit eine chronische Wunde heilen kann, muss sie zunächst gründlich gesäubert werden. Diesen Vorgang nennt man Débridement. Abgestorbenes Gewebe, Zelltrümmer, Fibrin- und Kollagenreste werden mithilfe von Hydrogelen, enzymhaltiger Salben, einer Pinzette oder eines Skalpells entfernt. Auch steril gezüchtete Larven können auf die Wunde aufgebracht werden und diese reinigen. Häufig ist im Rahmen des Verbandswechsels auch eine einfache Wundspülung ausreichend, das heißt, die Wunde wird mit steriler Ringerlösung oder physiologischer Kochsalzlösung (NaCl 0,9 %) gespült. Da eine Wundheilung erst bei > 28 °C stattfindet, sollte die Spülflüssigkeit auf Körpertemperatur angewärmt werden. Dies kann zum Beispiel im Wasserbad oder mit einem Babyflaschenwärmer geschehen.

Vielfalt der zur Verfügung stehenden Verbandsmittel

Nach der Reinigung erfolgt die Beurteilung der Wunde und die Wahl des Verbandsmaterials. Für die meisten Wunden gilt, dass sie am besten heilen, wenn sie feucht gehalten werden. Zellen und Wachstumsfaktoren sind im feuchten Milieu am vitalsten und können am besten ihre Aufgaben erfüllen. Es hat sich gezeigt, dass im Gegensatz zu der früher üblichen trockenen Wundbehandlung die feuchte Wundbehandlung zu einer schnelleren Abheilung der Wunde führt. Moderne Wundauflagen unterstützen die Wundreinigung und binden überschüssiges Wundsekret und Abfallprodukte. Außerdem bleiben dem Patienten eine Menge Schmerzen erspart, da der Verband nicht mit der Wunde verklebt und so leicht entfernt werden kann.

 

Für die Therapie chronischer Wunden gibt es heute eine fast unüberschaubare Vielfalt verschiedener, sogenannter hydroaktiver, Verbandsmaterialien. Grob vereinfachend können sie in einige wenige Kategorien eingeteilt werden:

 

  • Hydrogele: Feuchten den Wundgrund an, nehmen selbst Wundflüssigkeit auf und unterstützen die Auflösung von Nekrosen und Belägen. Hydrogele werden in der Regel in Verbindung mit Schaumverbänden und Hydrokolloidverbänden angewendet.

 

  • Alginate: Binden überschüssiges Wundexsudat, Zelltrümmer und Keime. Es bildet sich ein Gel, das die Wunde feucht und warm hält. Die Wunde wird mit einem Hydrokolloidverband, einem Schaumverband oder Transparentfolie verschlossen

 

  • Hydrokolloidverbände: Hydrokolloide nehmen Wundsekret auf, gehen in ein Gel über, das sich auf die Wunde legt und diese feucht hält. Der Verband ist selbsthaftend. Er muss gewechselt werden, wenn sich eine von außen sichtbare Blase bildet. Auf der Wunde verbleibt beim Verbandswechsel eine Gelschicht, die mit Ringerlösung abgespült werden kann. Der Verband darf nicht bei infizierten Wunden verwendet werden.

 

  • Schaumstoffverbände: Sie bestehen aus Polyurethan und einer halbdurchlässigen Folie. Sie können viel Wundexsudat aufnehmen und sollten daher bei stark nässenden Wunden verwendet werden.

 

BEACHTEN SIE | Sowohl Hydrokolloid- als auch Schaumstoffverbände können Silberionen enthalten, die zusätzlich bakterienabtötend wirken. Dieser Zusatz ist sinnvoll bei infizierten oder infektgefährdeten Wunden. Maßgeblich für die Anwendung der verschiedenen Verbandsmaterialien sind jedoch immer die Angaben des jeweiligen Herstellers.

Zwar sind die genannten Verbandsmaterialien für sich betrachtet teuer. Durch eine sachgerechte Anwendung kann die Heilungsdauer einer Wunde allerdings erheblich verkürzt und Komplikationen vermieden werden. Sie senken so den Arbeitsaufwand, was wiederum Kosten spart.

 

  • Beispiele für Verbandsmaterialien bei verschiedenen Wund-Eigenschaften
Eigenschaften der Wunde
Empfohlenes Verbandsmittel (Beispiele)

Trockene Nekrose

Nur trockene Verbände (!)

Feuchte Nekrose

Hydrogel (beispielsweise Urgo® Hydrogel)

Fibrinbeläge

Alginat (beispielsweise DracoAlgin®)

Starke Exsudation

Hydropolymer (beispielsweise Tielle®)

Starke Geruchsentwicklung (etwa bei Tumorzerfall)

Aktivkohle, ggf. mit Silberauflage

(beispielsweise Actisorb® Silver 220)

Granulations- und Epithelisationsphase

Hydrokolloidverbände unterschiedlicher Stärke (beispielsweise Varihesive®)

 

Die Auswahl der Verbandsmittel hängt unmittelbar vom Zustand der Wunde und der jeweiligen Heilungsphase ab. Modernes Wundmanagement nimmt selbst auf kleinste Veränderungen Rücksicht. Um den Patienten die optimale Versorgung zukommen lassen zu können, sollten MFA einen Überblick auf die verfügbaren Produkte haben. Dazu ist in der Regel eine Fort- oder Weiterbildung nötig, die für MFA von vielen Institutionen angeboten wird. In den Kursen vermitteln die Dozenten auch vertieftes Wissen zu patho-physiologischen Zusammenhängen, das für eine zeitgemäße Wundversorgung unabdingbar ist.

 

PRAXISHINWEIS | MFA verschaffen sich durch eine fundierte Ausbildung im Bereich Wundmanagement einen erheblichen Wissensvorsprung. Das Fachgebiet ist stark spezialisiert und auch für andere Berufsgruppen nur über Kurse zugänglich. Der Bedarf an professionellen Wundmanagern steigt kontinuierlich.

Der Verbandswechsel

Vor dem eigentlichen Verbandswechsel muss das benötigte Material bereitgelegt werden, damit es nicht während des Verbandswechsels zu unnötigen Unterbrechungen kommt. Der Patient sollte bequem gelagert werden und auf Anweisung des Arztes bei Bedarf Schmerzmedikamente erhalten. Ein Verbandswechsel sollte rasch durchgeführt werden, damit die Wunde nicht auskühlt. Außerdem muss immer unter sterilen Bedingungen gearbeitet werden, auch wenn die Wunde offensichtlich bereits infiziert ist:

 

  • Die Hände werden desinfiziert, Einmalhandschuhe angezogen und der alte Verband entfernt. Der Verband wird auf Aussehen und Geruch kontrolliert und in die Einmalhandschuhe entsorgt.

 

  • Die Wunde wird kontrolliert. Aussehen, Größe, Zustand, Geruch der Wunde werden beurteilt und nach Beendigung des Verbandswechsels dokumentiert, evtl. wird ein Foto erstellt.

 

  • Die Hände werden erneut desinfiziert und Einmalhandschuhe angezogen. Anschließend wird die Wunde ihren Bedürfnissen entsprechend gereinigt (siehe oben). Die Wunde darf nur mit sterilen Handschuhen bzw. sterilen Materialien berührt werden. Aseptische Wunden werden von innen nach außen gereinigt, infizierte Wunden von außen nach innen. Anschließend werden die Handschuhe entsorgt.

 

  • Hände erneut desinfizieren und Einmalhandschuhe anziehen. Die Wunde wird entsprechend ihrem Wundzustand mit einer geeigneten Wundauflage versorgt. Wie häufig ein Verband gewechselt werden muss, ist abhängig vom verwendeten Verbandsmaterial, der Wundsekretion und einer möglichen Infektion der Wunde. Die Spanne reicht von täglich bis wöchentlich.

Dokumentation des Behandlungsverlaufs

Weil chronische Wunden sich nur langsam schließen, ist eine sorgfältige Dokumentation des Heilungsverlaufs sowie der jeweils angewandten Behandlungsmethoden unabdingbar. Zur Dokumentation gehören:

 

Anamnese

Dazu gehören die vom Arzt festgestellte Ursache der Wunde, ihre Lokalisation sowie die Beschaffenheit zu Beginn der Behandlung.

 

Wundausdehnung

Sie lässt sich mit den Begriffen Form, Länge, Breite, Tiefe und Ausdehnung im Körperinneren beschreiben. Die Messungen erfolgen idealerweise mit Einweglinealen. Auch eine Fotodokumentation ist möglich. Sie erfordert das Einverständnis des Patienten und sollte (zum zuverlässigen Größenvergleich zwischen unterschiedlichen Fotos) stets mit angelegtem Maßband erfolgen, sodass die Wundausdehnung auf einen Blick sichtbar wird.

 

Wundbeschaffenheit

Diese Beobachtung erfordert erhebliche Erfahrung, denn das Aussehen einer Wunde kann mit den individuellen Gegebenheiten stark variieren. Es ist zum Beispiel wichtig, Granulationsgewebe nicht mit einem Wundbelag zu verwechseln. Die Beurteilung ist erst nach der Wundreinigung möglich.

 

Wundveränderungen

Hier stehen die Veränderungen der Wunde während der Behandlung im Vordergrund. Es ist wichtig zu wissen, dass enzymatische Vorgänge, die durch wirksame Verbandsmittel ausgelöst werden, zunächst eine optische Vergrößerung der Wunde hervorrufen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Verschlechterung des Zustands sondern lediglich um die Entfernung von untergegangenem Gewebe, das dem Verschluss vorangehen muss.

 

  • Arbeitshilfe zur Wundbehandlung
  • Wunden stets nach den Regeln der Asepsis behandeln; von „rein zu unrein“ arbeiten, beispielsweise Wischbewegungen bei der Hautdesinfektion zur Wunde hin führen.
  • Alle Instrumente und Materialien bis zum Kontakt mit der Haut steril halten.
  • Verbandswechsel stets mit einer Wundspülung kombinieren (macht die Wunde beurteilbar).
  • Form der Wundreinigung (Débridement), beispielsweise mechanisch, autolytisch, biochirurgisch oder enzymatisch, auf die jeweiligen Gegebenheiten abstimmen.
  • Verbandswechsel nicht in festen Intervallen, sondern nach Bedarf durchführen (beispielsweise bei Verschmutzung; Ablösung aufgrund von Sekretaufnahme, gemäß Herstellerangaben).
  • Abgestimmte Behandlungsverfahren konsequent umsetzen (vor einer Umstellung der Strategie zunächst die Behandlungsergebnisse evaluieren; Behandlungsteam arbeitet einheitlich).
  • Ggf. Angehörige über das Wundmanagement informieren (v.a. wenn sie Aufgaben in diesem Zusammenhang übernehmen).
  • Bei Bedarf auf rechtzeitige Gabe eines geeigneten Schmerzmittels (vor dem Verbandswechsel) achten.
  • Ernährungssituation des Patienten beachten. Mangel- oder Fehlernährung behindert die Wundheilung. Bei Bedarf oecotrophologische Beratung hinzuziehen.

Information des Patienten

Die Pflege chronischer Wunden ist langwierig und zeitaufwendig. Das erfordert vom Patienten ein hohes Maß an Mitarbeit und Geduld. Der Patient sollte wissen, wie lang die Behandlung voraussichtlich dauern wird. Bei jedem Verbandswechsel sollte er über die Fortschritte, aber auch über eventuelle Rückschläge in der Behandlung unterrichtet werden. Sätze wie „Das sieht aber gar nicht gut aus” verunsichern den Patienten und sollten daher vermieden werden.

Quelle: Ausgabe 02 / 2012 | Seite 17 | ID 30657660