· Fachbeitrag · Medizinwissen
Demenz - mehr als ein wenig vergesslich
von Dr. med. Marianne Schoppmeyer, Ärztin und Medizinjournalistin, Nordhorn
| Mittlerweile leben in Deutschland über 1,4 Mio. Menschen mit Demenz und jedes Jahr kommen etwa 40.000 hinzu. Diese Zahlen verdeutlichen schnell, dass Menschen mit Demenz in jeder Hausarztpraxis zum Alltag gehören. Wichtig ist es, Patienten mit Demenz frühzeitig zu erkennen, um bereits in einem frühen Stadium der Erkrankung eine Therapie einleiten zu können und damit auch den Verlauf der Erkrankung zu bremsen. |
Woran erkennt man als MFA einen dementen Patienten?
Demenz - das ist eine Diagnose, die sowohl bei den Betroffenen als auch bei ihren Angehörigen Angst und Unsicherheit hervorruft. Häufig werden erste Symptome von den Betroffenen verdrängt und heruntergespielt. Als MFA kennen Sie Ihre Patienten jedoch bereits über einen langen Zeitraum und können daher schon früh Veränderungen der geistigen und funktionalen Fähigkeiten sowie Verhaltensauffälligkeiten feststellen.
Allerdings ist es in der Regel schwierig, einen Demenzverdacht auszusprechen, ohne den Patienten zu beschämen oder zu verprellen. Im Praxisalltag fehlt es häufig an Zeit und Ruhe, um ein solches Thema anzuschneiden. Daher sollten Sie sich immer zuerst im Team besprechen und den Arzt informieren, wenn Sie bestimmte Veränderungen beobachten, die für eine demenzielle Erkrankung typisch sind. Eine genauere Abklärung dieser Symptome sollte immer durch den Arzt erfolgen.
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Wie wird eine Demenzerkrankung diagnostiziert?
Der Arzt wird im Gespräch mit dem Patienten und eventuell mit dessen Angehörigen versuchen, herauszufinden, ob es sich bei den Beschwerden um einen normalen Prozess der Altersvergesslichkeit handelt oder ob eine beginnende Demenz vorliegt. Nachfolgend werden einige neuropsychologische Tests und Blutuntersuchungen durchgeführt, um eine Demenz gegenüber anderen Erkrankungen abzugrenzen und ihren Schweregrad einschätzen zu können.
Neuropsychologische Tests
Vor allem die neuropsychologischen Tests können Sie als MFA durchführen. Es handelt sich dabei um standardisierte Untersuchungsverfahren, mit denen die Hirnleistung schnell und einfach beurteilt werden kann. Für Fragebögen und Formulare zu den Testverfahren siehe weiterführende Hinweise.
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Uhrentest | Der Patient wird aufgefordert, in einen vorgezeichneten Kreis die Ziffern einer Uhr sowie eine vorgegebene Uhrzeit einzuzeichnen. Die fertige Zeichnung wird nach vorgegebenen Kriterien beurteilt. |
Mini-Mental Status Test (MMST) | Sechs praxisnahe Fragen zu Orientierung, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Rechenfähigkeit, Erinnerungsfähigkeit und Sprache. Die Auswertung erfolgt durch einfaches Zusammenzählen der vergebenen Punkte. |
Barthel-Index | Der Patient wird zu zehn verschiedenen alltagspraktischen Fertigkeiten (wie Essen, Körperpflege, An- und Auskleiden) befragt, die dann je nach Einschränkung mit Punkten bewertet werden. |
DemTect (Demenz-Detektion) | Für Gedächtnistest, Zahlenumwandlungsaufgabe und eine Aufgabe zur verbalen Flüssigkeit werden Punkte vergeben und mit den kognitiven Leistungen in Verbindung gebracht. |
Beachten Sie | Berechnungsfähig sind die Tests über die EBM-Nr. 03242 (Testverfahren bei Demenzverdacht), bei Patienten über 70 Jahre kommt unter Umständen auch das Basisassessment nach EBM-Nr. 03360 infrage. Die Indikation zur Durchführung der Tests ist Arztsache, ebenso deren patientenbezogene Auswertung.
Blutuntersuchungen und andere Maßnahmen
Zu den Basisuntersuchungen der Blutabnahme zählen Elektrolyte, Blutzucker, CRP, Leber- und Nierenwerte, TSH, Vitamin B12 und Blutbild. Um weitere zugrunde liegende Erkrankungen auszuschließen, sind bei begründetem Verdacht zusätzliche Blutuntersuchungen notwendig wie detaillierte Schilddrüsendiagnostik, toxikologische Untersuchungen sowie serologische Untersuchungen auf HIV, Borrelien und Lues. Nachfolgend sollte ein CT oder MRT des Gehirns durchgeführt werden. In Gedächtnisambulanzen und -sprechstunden, die sich meist in größeren Krankenhäusern finden, widmen sich Spezialisten der Diagnosestellung und Therapie von Hirnleistungsstörungen.
Einteilung und Ursachen der Demenzen
Vor allem ist es wichtig, körperliche Erkrankungen der Leber oder Nieren, endokrinologische oder metabolische Störungen wie etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder einen Vitamin B12-Mangel auszuschließen. Auch Medikamente, Alkohol oder Drogen können kognitive Einschränkungen verursachen. Eine weitere wichtige Differenzialdiagnose der Demenz ist die Depression.
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Form | Ursache | Häufigkeit |
Alzheimer-Demenz |
| 60 % |
Vaskuläre Demenz |
| 15 % |
Mischformen aus Alzheimer- und vaskulärer Demenz | (siehe oben) | 15 % |
Seltene Demenzerkrankungen |
Beachten Sie | Besteht ein Verdacht auf eine solche neurodegenerative Erkrankung, sollte ein Neurologe hinzugezogen werden. | 10 % |
Umgang mit Demenzkranken
In der Arztpraxis fühlen sich Demenzkranke häufig überfordert. Hier ist von Ihrer Seite als MFA viel Geduld und Verständnis gefordert, was im hektischen Praxisalltag nicht immer ganz einfach ist. Versuchen Sie, die Realität des Demenzkranken, seine Verhaltensweisen und Gefühle zu akzeptieren und als richtig anzuerkennen (siehe PPA 01/2015, Seite 8). Das erleichtert Ihnen die Arbeit und erspart Ihnen endlose Diskussionen und Erklärungsversuche.
Was kann getan werden?
Ist die Diagnose „Demenz“ gestellt, ruft sie bei Betroffenen eine Vielzahl von Gefühlen hervor: Angst, Niedergeschlagenheit, Resignation, Trotz, Leugnung. Wenn diese ersten Gefühle überwunden sind, sollte gemeinsam ein Fahrplan für die weitere Therapie festgelegt werden. Ziel ist es, die geistige Leistungsfähigkeit zu stabilisieren und die Aktivitäten des täglichen Lebens möglichst lange zu erhalten. Dafür stehen sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Strategien zur Verfügung.
Medikamentöse Therapie
Bei der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz kommen Acetylcholinesterase-Hemmer wie Donezepil, Rivastigmin oder Galantamin zum Einsatz. Unter dieser Therapie kann der natürliche Demenzverlauf um etwa sechs Monate verschoben werden. Bei der moderaten bis schweren Alzheimer-Demenz wird der NMDA-Antagonist Memantin verordnet. Diese Therapien müssen unter Umständen je nach Symptomen individuell ergänzt werden.
Bei den vaskulär verursachten Demenzen steht die Beseitigung vaskulärer Risikofaktoren im Vordergrund und hier vor allem die Normalisierung eines zu hohen Blutdrucks. Raucher sollten bezüglich eines Nikotinverzichts beraten werden. Ein Diabetes mellitus, ein Vorhofflimmern sowie erhöhte Blutfettwerte müssen optimal behandelt werden. Die Therapie mit Thrombozytenaggregationshemmern (zum Beispiel Aspirin) kann erwogen werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
Bei den nicht-medikamentösen Therapien steht die Förderung des Patienten entsprechend seiner Möglichkeiten im Vordergrund. Ziel ist eine größtmögliche Selbstständigkeit im Alltag sowie eine bestmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen und familiären Leben zu erhalten. Dabei sollte der Patient jedoch keinesfalls überfordert werden. Je nach Stadium der Erkrankung werden verschiedene Therapien eingesetzt
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In Selbsthilfegruppen können Betroffene sich austauschen, Probleme besprechen und Mut für die Zukunft finden.
Hilfen der Pflegeversicherung
Benötigt ein Demenzkranker dauerhaft Hilfe bei Körperpflege, Ernährung und Mobilität, hat er einen Anspruch auf Pflegegeld. Auf viele Demenzkranke trifft dies zunächst nicht zu, da sie körperlich wenig eingeschränkt sind. Mittlerweile wird aber auch der hohe Betreuungsaufwand bei einem an Demenz erkrankten Menschen berücksichtigt. So erhält ein Demenzkranker in der Regel seit 1. Januar 2015 monatlich 104 bis 208 Euro, wenn seine Alltagskompetenzen eingeschränkt sind (sogenannte Pflegestufe 0). Weitere Informationen erhalten Betroffene und ihre Angehörige bei den Pflegestützpunkten vor Ort.
Weiterführende Hinweise
- Hinweise zu Testverfahren Demenz unter http://tinyurl.com/nea3luy
- Informationen über Gedächtnissprechstunden unter http://tinyurl.com/pmqqslz
- Adressen von Selbsthilfegruppen unter http://tinyurl.com/ohtmosm
- Weitere nützliche Websites:- www.deutsche-alzheimer.de- www.wegweiser-demenz.de/startseite.html
- Lesen Sie auch den Beitrag „Umgang mit dementen Patienten“ (PPA 07/2008, Seite 5).