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· Fachbeitrag · Medizinwissen

Chronische Wunden - ein unliebsames Problem

von Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer, Medizinjournalistin, Nordhorn

| Chronische Wunden sind ein häufiges und langwieriges Problem in der Hausarztpraxis. Oft begleiten sie den Patienten und damit auch das Praxisteam über viele Monate. Hier ist viel Sachverstand sowohl in Bezug auf die normale und pathologische Wundheilung als auch in Bezug auf die eigentliche Wundversorgung und die dafür geeigneten Materialien notwendig. |

Wann spricht man von einer chronischen Wunde?

Definitionsgemäß wird eine Wunde als chronisch bezeichnet, wenn sie trotz sachgerechter Behandlung nicht innerhalb von acht Wochen eine Heilungstendenz zeigt. In Deutschland sind mehr als drei Millionen Menschen von einer solchen chronischen Wunde betroffen. Chronische Wunden sind in erster Linie:

 

  • Dekubitus (Druckgeschwür): Findet sich bevorzugt an Hautarealen über Knochenvorsprüngen wie Ferse, Sakralbereich, Trochanter und äußerem Fußknöchel. Er entsteht durch länger anhaltenden Druck, der erst zur Schädigung der Haut und dann zur Schädigung des darunterliegenden Gewebes führt.

 

  • Ulcus cruris venosum (”offenes Bein”): Findet sich meist ober- oder unterhalb des Innenknöchels. Ursache ist eine venöse Abflussbehinderung des Blutes zum Herzen (chronisch venöse Insuffizienz), die beispielsweise durch Krampfadern oder durch Thrombosen hervorgerufen wird.

 

  • Diabetisches Fußsyndrom: Es ist die Folge einer langjährigen Diabeteserkrankung. Aufgrund der Nervenschädigung (Polyneuropathie) empfinden die Patienten Schmerzen und Temperatur an Beinen und Füßen nur sehr eingeschränkt. Hinzu kommen bei Diabetikern häufig periphere arterielle Durchblutungsstörungen. So können bereits durch kleinste Verletzungen, die zu spät wahrgenommen werden, schwer heilende Wunden entstehen.

 

Seltenere Ursachen chronischer Wunden sind eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder die Gewebezerstörung durch einen Tumor.

Wie heilen Wunden normalerweise?

Im Gegensatz zu chronischen Wunden entsteht eine akute Wunde meist durch Einwirkungen von außen wie beispielsweise durch einen Sturz, Schlag oder Schnitt. Hier ist das betroffene Gewebe in der Regel gesund und gut durchblutet, sodass es zu den typischen ineinander übergehenden drei Phasen der Wundheilung kommt:

 

  • Reinigungsphase: Durch körpereigene Mechanismen wird die Wunde von abgestorbenen Zellen, Keimen und Fremdkörpern gereinigt.

 

  • Granulationsphase: Ausgehend von den Wundrändern und dem Wundgrund bildet sich neues Gewebe - das Granulationsgewebe-, um den entstandenen Gewebedefekt zu füllen.

 

  • Epithelisierungsphase: Das Granulationsgewebe wird in Narbengewebe umgebaut. Die Wunde ist nun vollständig verschlossen.

Was läuft bei chronischen Wunden falsch?

Bei chronischen Wunden laufen diese drei Phasen nicht regelhaft ab. Den meisten chronischen Wunden ist gemeinsam, dass sie schlecht mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Dies ist eine extrem schlechte Ausgangsbasis für die Wundheilung. Für die an der Wundheilung beteiligten Blut- und Gewebezellen ist es nahezu unmöglich, die Wunde zu reinigen und neues Gewebe aufzubauen.

Wie können chronische Wunden vermieden werden?

Viele betagte Menschen leiden an Durchblutungsstörungen, sodass Beine und Füße häufig nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Kommt dann noch eine Diabeteserkrankung hinzu, bemerken die Patienten offene Wunden an den Füßen häufig nicht oder zu spät. Vielfach ist der Ausgangspunkt einer chronischen Wunde ein Bagatelltrauma. Daher sollten gerade Diabetiker durch die MFA auf Folgendes hingewiesen werden:

 

  • Bequeme Schuhe tragen, wegen der Verletzungsgefahr nicht barfuß oder in Strümpfen laufen.

 

  • Füße regelmäßig - am besten täglich - auf Druckstellen, Blasen, Hautverfärbungen, Hornhautverdickungen und kleinste Verletzungen inspizieren. Hilfreich sind dabei ein Spiegel oder eine zweite Hilfsperson. Technikbegeisterte können ihre Füße auch mithilfe einer Digitalkamera, die an einen Fernseher angeschlossen wird inspizieren.

 

  • Sorgfältige Fußpflege mit vorsichtigem Abtragen der Hornhaut und Feilen der Zehennägel (keine Nagelschere verwenden). Schwielen und Hühneraugen sollten von einem medizinischen Fußpfleger (Podologen) entfernt werden, der auch in regelmäßigen Abständen die gesamte Fußpflege übernehmen kann. Auch Nagel- und Fußpilz müssen konsequent behandelt werden!

 

BEACHTEN SIE |  Auch kleinste Verletzungen sollten von Patienten ernst genommen werden. Sie müssen desinfiziert, verbunden und frühzeitig dem Arzt gezeigt werden.

Auch für Patienten mit Krampfadern oder thrombosegeschädigten Venen gibt es einige Ratschläge. Als Faustregel kann gelten: Viel Laufen und liegen, wenig sitzen und stehen. Des Weiteren können Sie als MFA die folgenden Maßnahmen empfehlen:

 

  • Das Hochlagern der Beine sowie deren Bewegung fördern den Blutrückfluss zum Herzen.

 

  • Fußgymnastik für Zwischendurch: Beim Stehen zwischen Zehen- und Fersenstand wechseln, beim Sitzen mit den Füßen kreisen bzw. auf- und abwippen.

 

  • Gefäßtraining durch kalte Beingüsse und Bürstenmassagen, Temperaturen > 28 °C (Wärmflasche, heißes Baden) meiden.

 

  • Kompressionsstrümpfe, die vom Arzt verordnet werden und individuell angepasst werden sollten. Kompressionsstrümpfe müssen mindestens sechs bis acht Stunden täglich getragen werden, besser von morgens bis abends.

 

Bettlägerige oder immobile Patienten müssen regelmäßig gelagert werden, damit keine Druckstellen entstehen. Dies ist Aufgabe der Pflegedienste und/oder der pflegenden Angehörigen. Die MFA kann hier jedoch beratend zur Seite stehen.

Voraussetzung: Therapie der Ursache

Das wichtigste bei der Therapie chronischer Wunden ist die Therapie der Ursache. Wird diese Therapie vernachlässigt, kann es keine dauerhafte Abheilung der Problemwunden geben. So sollte beispielsweise ein Diabetes optimal eingestellt werden. Bei einem Dekubitus ist die Druckentlastung der Wunde mit regelmäßiger Lagerung Grundvoraussetzung für die Abheilung. Ansonsten sind alle anderen Maßnahmen sinnlos. Bei einer chronisch venösen Insuffizienz muss eine Kompressionsbehandlung durchgeführt werden, damit das Blut besser zum Herzen zurücktransportiert wird. Erst nachdem diese Therapiemaßnahmen eingeleitet worden sind, ist es sinnvoll, eine geeignete Wundauflage auszuwählen.

Standard: Feuchte Wundbehandlung

Lange glaubte man, dass eine Wunde am besten heilt, wenn sie an der Luft trocknet und Schorf bildet. Ein Irrtum, wie man heute weiß. Optimal für die Heilung chronischer Wunden ist ein feuchtes Klima. Die Wundheilung läuft schneller ab und der Patient hat weniger Schmerzen. Moderne Wundverbände wie Hydrogele, Alginate, Hydrokolloidverbände und Schaumstoffverbände zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein solches feuchtes Klima schaffen. Zusätzlich entfernen sie überschüssige Flüssigkeit aus der Wunde und schützen vor Infektionen. In Ausgabe 2/2012 von PPA werden wir auf die verschiedenen Arten von Wundauflagen genauer eingehen und den Verbandswechsel konkret beschreiben. Und in Ausgabe 3/2012 erfahren Sie alles über die Versorgung akuter Wunden.

 

Weiterführender Hinweis

Quelle: Ausgabe 01 / 2012 | Seite 12 | ID 30656640