· Fachbeitrag · Interview
Allein unter Frauen - Fluch oder Segen?
| Von deutschlandweit 394.000 Medizinischen Fachangestellten üben nur 4.000 männliche MFA diesen Beruf aus (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2010). Knapp 99 Prozent aller MFA sind also weiblich. Das haben wir zum Anlass genommen, bei einem Medizinischen Fachangestellten nachzufragen, warum so wenige Männer als MFA arbeiten, wie er zu diesem Beruf gefunden hat und wie es sich anfühlt, im Team der Hahn im Korb zu sein. Das Interview führte Alexandra Schramm, Medienbüro Medizin (MbMed), im Auftrag von PPA. |
Redaktion: Herr Hiebl, stellen Sie sich unseren Lesern bitte zunächst einmal vor.
Hiebl: Mein Name ist Michael Hiebl. Seit über zehn Jahren bin ich als MFA tätig, derzeit in der Praxis Dr. med. Hudelmaier, Facharzt für Allgemeinmedizin, Internist und Diabetes qualifizierter Hausarzt, in Ingolstadt. Davor habe ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Seit zwei Jahren bin ich zudem als stellvertretender Referatsleiter für Medizinische Fachangestellte beim Verband medizinischer Fachberufe e.V. (VMF) ehrenamtlich zehn bis zwölf Stunden die Woche tätig.
Redaktion: Wieso gibt es so wenige männliche MFA?
Hiebl: Ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Vielleicht hat es mit alter Denkweise zu tun, wie etwa: „Männer müssen was Handwerkliches machen, sonst sind sie keine Männer“. Was zugegeben nicht ganz zeitgemäß ist. Ich bin überzeugt, dass man sich zu dieser Arbeit berufen fühlen muss. Man braucht soziales Denken, ein Gespür für Menschlichkeit. Ganz abgesehen davon, darf man natürlich kein Problem haben, mit Krankheiten und dazugehörigen Leidensgeschichten konfrontiert zu werden und mit Körperflüssigkeiten wie Blut und Urin umzugehen. Vielleicht besitzen eben diese Eigenschaften mehr Frauen als Männer.
Redaktion: Wieso haben Sie diesen Beruf gewählt?
Hiebl: Ich habe mich für diesen Beruf aus Berufung entschieden. Schon früher haben wir zu Hause meine Oma gepflegt. Mit Herzblut bin ich auch heute bei der Versorgung und Betreuung unserer Patienten dabei.
Redaktion: Warum haben Sie vom Krankenpfleger zum MFA gewechselt?
Hiebl: Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde, mich noch 30 bis 40 Jahre der täglichen körperlichen Belastung in der Pflege zu stellen. Daher habe ich mich für die zweite Ausbildung im medizinischen Bereich entschieden. Das Gute ist jedoch: Wenn ich wollte, könnte ich wieder zurück ins Krankenhaus - nicht in den Beruf als Krankenpfleger, sondern als MFA. Dieser Wechsel nimmt seit einigen Jahren stetig zu. MFA können neben organisatorischen Aufgaben auch Delegationen, wie Blutentnahmen, übernehmen. Krankenschwestern und Pfleger dürfen das nicht. Je nach Einsatzort bringt unser Job ein breites Aufgabenspektrum mit sich - das macht die Arbeit als MFA so spannend.
Redaktion: Haben Sie irgendwelche Bedenken gehabt, einen Beruf zu wählen, den überwiegend Frauen ausüben?
Hiebl: Nein, da gab es keine Bedenken. Bereits bei meiner Ausbildung zum Krankenpfleger waren wir von 180 Teilnehmern lediglich zwei Männer - ein ähnliches Bild in der Berufsschule bei der MFA-Ausbildung. Ich fühlte mich jedoch immer integriert und in beiden Ausbildungsberufen willkommen. Es war gern gesehen, männliche Unterstützung zu bekommen. Ich persönliche finde auch, dass ein männliches Teammitglied immer eine Bereicherung ist.
Redaktion: Inwiefern?
Hiebl: Zum Beispiel ist es manchen männlichen Patienten ganz recht, sich nicht vor einer Frau ausziehen zu müssen - denn nicht nur Frauen haben Schamgefühl. Andere fühlen sich vielleicht durch einen männlichen Ansprechpartner besser verstanden. Zudem ticken Männer ja bekanntlich anders. Ich denke, ich bringe zum Teil andere Ideen in den Praxisalltag ein oder packe Projekte einfach anders an. Verschiedene Sichtweisen schaden nicht, sondern können sich gut ergänzen.
Redaktion: Bemüht sich Ihr Verband, mehr männliche MFA zu werben?
Hiebl: Wir werben jetzt nicht aktiv für mehr Männer, aber wir achten nun schon auf mehr Gleichberechtigung. So gab es beispielsweise unsere Verbandssatzung bislang nur in der weiblichen Form. Diese haben wir nun um die männliche Ansprache ergänzt. Auch bei anderen Formularen, Handouts und Abbildungen achten wir darauf, dass Männlein und Weiblein ihren Platz erhalten.
Redaktion: Wie reagieren Patienten auf Sie?
Hiebl: Es kam schon mal vor, dass mich Patienten für den Herrn Doktor gehalten haben, wenn ich nicht direkt am Empfang stand, sondern aus einem Behandlungszimmer kam - das ist witzig, aber auch die Ausnahme. Kritik habe ich noch nie gehört. Im Gegenteil: Ich erhalte positive Resonanz. Das ist natürlich schön.
Redaktion: Und wie fühlt es sich an, unter den Kolleginnen der Hahn im Korb zu sein?
Hiebl: Ich kann mich absolut nicht beschweren. Ich fühle mich akzeptiert und integriert. Mein Chef sagte mir mal, dass ich der Ruhepol in der Praxis sei. Ich denke aber, das hat weniger mit dem Geschlecht und mehr mit der Persönlichkeit zu tun.