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· Fachbeitrag · Hygiene

Maßnahmen zum Schutz vor aggressiven Erregern

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

| In jüngster Zeit sind Krankheitserreger wie EHEC (enterohämorrhagische Eschericchia coli) und resistente Formen des Staphylococcus aureus (zum Beispiel MRSA) in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Sie übertragen schwere Erkrankungen oder führen die verfügbaren Behandlungsstrategien an den Rand ihrer Möglichkeiten. Dies erfordert insbesondere von Angehörigen der Gesundheitsberufe erhöhte hygienische Wachsamkeit. Die Keime treten auch in ärztlichen Praxen gehäuft in Erscheinung. |

Eigenschaften der EHEC

Die enterohämorrhagischen Stämme aus der Familie der Escherichia coli haben unlängst einen großen Bekanntheitsgrad erreicht, als sie vor allem in Norddeutschland als Epidemie in Erscheinung traten. Diese Keime können schwere Durchfälle im Rahmen eines hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) verursachen. Zum Krankheitsbild gehören eine Verringerung der Zahl roter Blutkörperchen und Blutplättchen sowie ein akutes Nierenversagen. Nach einer Zählung des Robert Koch-Instituts erkrankten während der jüngsten EHEC-Epidemie 855 Menschen an HUS sowie weitere 2.987 Menschen an einer mit EHEC in Verbindung zu bringenden Gastroenteritis. 53 Patienten starben infolge der Infektionen.

 

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit richtete sich auf diesen seit langem bekannten Erreger, weil die von ihm ausgelösten Erkrankungen nur schwer therapierbar sind und weil selbst durch die gemeinsamen Bemühungen verschiedener Bundesbehörden längere Zeit unklar blieb, wo die Epidemie ihren Ausgang genommen hatte. Für mehrere Wochen wurde in Deutschland die Empfehlung ausgegeben, rohes Gemüse zu meiden, namentlich Tomaten und Gurken sowie frische Sprossen. Schließlich identifizierte man einen Sprossen-Zuchtbetrieb in Norddeutschland als Auslöser der Krankheitswelle. Die Übertragungsmedien der EHEC sind:

 

  • Lebensmittel: zum Beispiel Fleisch, Rohmilch, rohes Gemüse
  • Menschen und Tiere: zum Beispiel durch direkten Kontakt
  • Verschmutztes Wasser: zum Beispiel während des Badens.

 

Besonders zu beachten ist, dass 100 Keime für eine Infektion ausreichen (Zum Vergleich: Bei Salmonellen liegt die Infektionsdosis zwischen 10.000 und 1.000.000 Keimen.) Das bedeutet: Bereits geringe Spuren von körperlichen Ausscheidungen oder Sekreten können zu einer Infektion und anschließenden Erkrankung durch EHEC führen.

 

In der konsequenten Umsetzung hygienischer Standards liegt die einzige Strategie zur Unterbrechung der Übertragungswege sowie zum Schutz anderer Menschen.

 

PRAXISHINWEIS | Infektionen mit EHEC sowie Erkrankungen an HUS sind nach § 6 IfSG meldepflichtig!

Eigenschaften resistenter Keime

Resistenzen entstehen bei Bakterien durch die Behandlung erkrankter Menschen mit Antibiotika. Regelmäßig überleben einige Keime solche Therapien, weil sie in ihrem Erbgut Bausteine tragen, die sie unempfindlich gegenüber den Wirkstoffen machen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Anwendung desinfizierender Mittel die Auslese resistenter Bakterien fördert. Naturgemäß treten deshalb resistente Keime vor allem an Orten auf, an denen solche Behandlungsformen häufig stattfinden. Dies sind neben stationären Einrichtungen des Gesundheitswesens auch ambulante Institutionen, etwa die Praxen niedergelassener Ärzte.

 

Unter den resistenten Keimen nimmt der Stamm der Staphylococcus aureus eine besondere Stellung ein. Von diesen Keimen sind inzwischen zahlreiche Arten bekannt, die gegen verschiedene Antibiotika unempfindlich geworden sind. Dramatisch ist die Situation auch deswegen, weil das als „ultima ratio“ gehandelte Antibiotikum Vancomycin bei einigen Formen der Bakterien keine Wirkung mehr entfaltet. Folge-Wirkstoffe, die dieses Antibiotikum ersetzen sollen, erzeugen gelegentlich erhebliche unerwünschte Wirkungen.

 

Für Sie als MFA ergibt sich aus der Entwicklung vor allem deshalb ein Problem, weil Sie in ihrer täglichen Arbeit mit Trägern dieser Erreger konfrontiert sein können. Problematisch wirkt sich vor allem die Tatsache aus, dass Träger von resistenten Keimen nicht zwingend Krankheitszeichen zeigen. Auch gesund wirkende Patienten können von diesen Erregern besiedelt sein. Nach einer Übertragung auf andere Menschen können jedoch schwere Erkrankungen entstehen. Durch resistente Erreger sterben in Deutschland nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene jährlich bis zu 40.000 Menschen.

Grundsätze hygienischer Maßnahmen in der Praxis

Wesentlich ist, dass alle Mitarbeiter einer ärztlichen Praxis sich bewusst machen: An jedem Tag und bei jeder Tätigkeit besteht die Gefahr, krankheitserregende Keime aufzunehmen und anschließend zu verbreiten. Diese Regel kennt keine Ausnahme. Theoretisch genügt eine Begrüßung per Handschlag, um entsprechend virulenten Erregern einen weiteren Verbreitungsweg zu eröffnen. Aufgabe des gesamten Praxisteams ist es daher, die Verbreitung der Keime möglichst zu unterbinden. Auch hier besteht die einzige sinnvolle Handlungsrichtlinie in der sorgfältigen Beachtung hygienischer Maßnahmen:

 

  • Einmalmaterial wirklich nur einmal verwenden.
  • Sorgfältige desinfizierende Reinigung patientennaher Flächen und der Gerätschaften, die in unmittelbaren Kontakt zu Patienten bzw. deren Ausscheidungen und Sekreten gekommen sind mit zugelassenen Präparaten (neben dem medizinischen Instrumentarium auch Sanitärbereiche).

 

Brennpunkt Händehygiene

Alle Fachveröffentlichungen zum Thema Infektionsprophylaxe sowie sämtliche Studien zu Verbreitungswegen oder Hygienestandards legen einhellig den Schluss nahe, dass der Händehygiene die zentrale Bedeutung bei der Infektions-Vorsorge zukommt. In stationären und ambulanten Einrichtungen des Gesundheitswesens verbreiten sich Mikroorganismen vorzugsweise über die Hände der Mitarbeiter.

Die Hände sind das elementare Instrument zur Verrichtung der Arbeiten, die der Versorgung erkrankter Menschen dienen. Jeden Tag fassen Mitglieder des Praxisteams nahezu unzählige Gegenstände an - auch nach dem Kontakt zu eventuell kontaminiertem Material. Viele dieser Kontakte der Hände sind nicht einmal willentlich gesteuert. Beispiel: Nach dem Messen des Blutdrucks juckt einer MFA die Nase. Ohne weiteres Bedenken kratzt sie sich dort und hat damit den gegebenenfalls auf die Handoberfläche gelangten Keimen einen Weg zu ihrem oberen Atemtrakt geöffnet. Untersuchungen zeigen, dass sich insbesondere in diesem Teil des Körpers sehr häufig problematische Krankheitserreger nachweisen lassen - und von dort aus verbreiten.

 

Angemessene Händehygiene beschränkt sich nicht auf das bloße Waschen der Hände (auch nicht, wenn dies mit angeblich desinfizierenden Seifen erfolgt). Diese Behandlung senkt die auf der Haut befindliche Keimzahl nur ungenügend. Wesentlich ist eine akkurate Händedesinfektion mit alkoholischen Präparaten. Die Weltgesundheitsorganisation hat ein Schema (siehe nachfolgende Tabelle) entwickelt, das die Gelegenheiten zeigt, bei denen eine Händedesinfektion unbedingt erforderlich ist. Diese Tabelle kann als Richtlinie dienen. Es bleibt jedoch in der Verantwortung jedes einzelnen Teammitglieds, die Desinfektion so auszuführen, dass sie zu einem sinnvollen Ergebnis führt:

 

  • Die gesamte Haut der Hände bis über die Handgelenke mit Desinfektionsmittel benetzen (auch die Haut zwischen den Fingern).
  • Keinen Schmuck an den Händen oder Unterarmen tragen.
  • Fingernägel kurz geschnitten halten; keinen Nagellack tragen.
  • Einwirkzeit (während dieser Zeit muss die Haut mit Desinfektionsmittel befeuchtet sein) beachten. Meist beträgt sie 30 Sekunden (abweichende Zeiträume den Herstellerinformationen entnehmen).

 

PRAXISHINWEIS | Bei zu erwartendem Kontakt mit Körpersekreten, Blut oder Ausscheidungen sind (außerhalb chirurgischen Prozeduren, die sterile Handschuhe voraussetzen) Einmal-Untersuchungshandschuhe zu tragen.

  • Händedesinfektion

Situation

Ziel der Maßnahme

Zeitpunkt

Kontakt mit Patienten

Schutz des Patienten vor Kolonisation mit Erregern, die sich gegebenenfalls auf den Händen des Mitarbeiters befinden

  • Vor unmittelbarem Körperkontakt (Kontakt von Haut zu Haut)
  • Nach unmittelbarem Körperkontakt (Kontakt von Haut zu Haut)
  • Zusätzlich: Nach dem Ausziehen von Schutzhandschuhen

Aseptisch auszuführende Tätigkeiten

Schutz des Patienten vor der Verbreitung potenziell pathogener Erreger sowie der Standortflora in sterile bzw. bisher nicht kolonisierte Körperbereiche

  • Vor Kontakt mit einem Medizinprodukt, das die Körperoberfläche des Patienten überwindet (Handschuhe sind zusätzlich erforderlich)

Kontakt mit potenziell infektiösem Material

Selbstschutz sowie Schutz anderer Mitarbeiter und in der Folge zu behandelnder Patienten

  • Nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten, Schleimhäuten, nicht intakter Haut oder Wundverbänden
  • Nach dem Wechsel von Handlungsabläufen an kontaminierten bzw. nicht kontaminierten Körperstellen während der Versorgung eines Patienten
  • Zusätzlich: Nach dem Ausziehen von Schutzhandschuhen (steril oder unsteril)

Kontakt mit Oberflächen in unmittelbarer Umgebung des Patienten

Selbstschutz sowie Schutz anderer Mitarbeiter und in der Folge zu behandelnder Patienten

  • Nach Kontakt mit Oberflächen und medizinischen Geräten in unmittelbarer Umgebung des Patienten
  • Zusätzlich: Nach dem Ausziehen von Schutzhandschuhen

Quelle: Empfehlungen zur Händedesinfektion (Modifiziert nach dem WHO-Modell „My five moments of hand hygiene“)

Quelle: Ausgabe 12 / 2011 | Seite 6 | ID 29544920