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· Fachbeitrag · Hilfseinrichtungen

„Das Gespräch mit dem Patienten über Suchtmittel sollte zur Selbstverständlichkeit werden“

Interview von PPA-Redakteur Stefan Lemberg mit Dr. Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V.

| Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) ist der Dachverband der in der Suchthilfe tätigen Verbände und Einrichtungen. Die DHS informiert die Öffentlichkeit über die Abhängigkeitsproblematik, greift aktuelle Probleme und Fragestellungen auf, erarbeitet Lösungen und entwickelt neue Präventionsstrategien. Darüber, wie sich das Phänomen Abhängigkeit in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat und was die Hausarztpraxis bei der Betreuung abhängiger Patienten tun kann, sprach die Redaktion mit DHS-Geschäftsführer Dr. Raphael Gaßmann. |

 

Frage: Herr Dr. Gaßmann, wie hat sich das Phänomen Abhängigkeit in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre gewandelt?

 

Antwort: Da hat ein starker Wandel stattgefunden. Der Konsum harter illegaler Drogen wie zum Beispiel Heroin, hat stark an Bedeutung verloren. Bei Cannabis hingegen hat der Konsum wieder zugenommen. Die Konsumenten werden immer klarsichtiger über das, womit sie sich vergiften.

 

Frage: Und wie sieht es mit den sogenannten „Genussmitteln“ wie Alkohol und Zigaretten aus?

 

Antwort: Also wir sprechen grundsätzlich nur von „Suchtmitteln“, weil die gesundheitsbedrohenden Aspekte von Zigaretten und Alkohol so einzigartig dramatisch sind. Bei Zigaretten haben wir eine sehr wirksame Präventionspolitik wie auch einen Wandel des öffentlichen Bewusstseins erlebt, sodass der Konsum stark gesunken ist. Was den Alkohol angeht, gibt es mindestens 80.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Die Statistiken ziehen sich dabei durch alle Altersgruppen - von den Jugendlichen bis zu den 90-Jährigen. Bei immer weniger Gelegenheiten wird immer mehr getrunken. Das spüren sowohl die Krankenhäuser als auch die Hausärzte: Zu den mindestens 1,5 Mio. klinischen Alkoholikern kommen etwa 2 Mio. starke Missbraucher. Und natürlich sind diese Patienten ständig in den Praxen, gerade bei den Allgemeinmedizinern.

 

Frage: Woran liegt das?

 

Antwort: Zunächst einmal daran, dass es in Deutschland keine wirksame Präventionspolitik gibt. Wir sind ein klassisches Alkohol-Produktionsland. Es gibt hier über 1.000 Brauereien. Hinzu kommen die Winzer und Spirituosenhersteller. Und diese Alkoholindustrie nimmt politisch Einfluss: Jede Regierung - gleich, welcher Partei - hat bislang Alkohol als Kulturgut und jedes Werbeverbot als Eingriff in die Handlungsfreiheit betrachtet. Alkohol ist überall erhältlich. Hinzu kommt die Werbung für Alkohol, nicht nur die absurde Bierwerbung im Fußball: Die PR der Alkoholindustrie ist sehr geschickt darin, die Presse - auch die medizinische Fachpresse - mit Meldungen zu versorgen, die die positive Wirkung von Alkohol herausstreichen, zum Beispiel: „Rotwein in Maßen ist gut fürs Herz“. Selbst wenn das stimmt, ist die Botschaft unwahr, denn das Gefahrenpotenzial von Alkohol ist höher als das aller illegaler Drogen zusammen. Erst wenn Sie die Medikamente hinzuzählen, kommen Sie auf eine vergleichbare Größenordnung.

 

Frage: Wie sieht denn die Situation bei Medikamenten aus?

 

Antwort: Manche Medikamente mit hohem Abhängigkeitspotenzial, zum Beispiel Benzodiazepine, wurden bisher viel zu oft verordnet. Zurzeit haben wir rund eine Million Abhängige in Deutschland. Und deshalb haben wir seit zwei Jahren die Aufmerksamkeit in unserer Arbeit den Medikamenten zugewandt.

 

Frage: Was sollte der Hausarzt tun, um eine Abhängigkeit anzusprechen?

 

Antwort: Er muss vor allem wissen, dass seine Intervention wirksam ist. Der Arzt kann zum Beispiel einen Raucher auf riskanten Tabakkonsum hinweisen: „Sie wissen, dass das schädlich ist. Besser, Sie hören damit auf.“ Diese Intervention kostet ihn nicht mal eine Minute. Sieht er den Patienten ein halbes Jahr später wieder, kann er fragen: „Haben Sie über Ihr Rauchen nachgedacht? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ In drei bis fünf Prozent der Fälle hat der Arzt damit Erfolg. Bei 15 Mio. Rauchern sind das 450.000 bis 750.000 Menschen. Das funktioniert genauso bei Alkohol.

 

Frage: Die Möglichkeiten, die der Arzt empfehlen kann, reichen von Selbsthilfegruppen bis zu Entzugskliniken. Woran erkennt man eine gute Therapie?

 

Antwort: Da bin ich natürlich parteiisch: Die Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen der großen Verbände, die Sie im Telefonbuch oder auf unserer Homepage finden, sind immer empfehlenswert. Sie sind öffentlich finanziert, ihre Arbeit wird regelmäßig überprüft, sie sind mit Ärzten und Krankenhäusern vernetzt und der Patient kann ihre Dienste sogar ohne Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Vorsichtiger wäre ich bei privaten Anbietern, die mit Erfolgsquoten von 80 Prozent werben oder bei Scheitern der Behandlung die Erstattung des Honorars versprechen.

 

 

 

 

 

© ambrozinio - Fotolia.com

 

Frage: Wie hoch sind denn die Erfolgsaussichten?

 

Antwort: Nach unseren Erfahrungen liegen diese zwischen 40 und über 80 Prozent. Bei anderen chronischen Erkrankungen, zum Beispiel Krebs, gibt es diese Erfolgsquote nicht. Auch Rückfälle gehören zur Behandlung dazu: Der durchschnittliche Ex-Raucher hat drei gescheiterte Versuche hinter sich, das Rauchen aufzugeben. Erst nach dem dritten Rückfall hat er seine Abhängigkeit überwunden.

 

Frage: Zurück zur Hausarztpraxis: Welchen Stellenwert sollte diese im Betreuungsnetzwerk von Suchtpatienten einnehmen?

 

Antwort: Einen ganz großen. Vor allem deswegen, weil der Hausarzt den Patienten in der Regel am häufigsten sieht. Ich spreche jetzt nicht von den Abhängigen, die so krank sind, dass sie alle drei Wochen ins Krankenhaus müssen. Der Arzt hat eine entscheidende Rolle bei der Früherkennung und der Kontrolle des Patienten. Er muss dabei gar nicht selber behandeln. Er kann Abhängige an Spezialisten überweisen und ist fast immer in der Lage, eine Therapie mit guten Aussichten auf Heilung anzubieten. Besser geht es nicht.

 

Frage: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um die Zahl der Abhängigen in Deutschland dauerhaft zu reduzieren, zum Beispiel beim Alkohol?

 

Antwort: Zunächst müsste die Situation beendet werden, dass man überall zu jeder Zeit Alkohol kaufen kann. Vor allem an Tankstellen hat Alkohol nichts verloren: Hier geht es schließlich um Straßenverkehr! Dann müssten die Preise für Alkohol erhöht und die Werbung, wenn nicht verboten, so doch massiv beschränkt werden: In die Alkoholwerbung werden hierzulande etwa 500 Mio. Euro investiert, aber keine 50 Mio. Euro in die Prävention. Es müsste also ebenso viel Werbung gegen Alkohol geben wie für Alkohol. Und diese müsste aus den Steuern auf Suchtmittel bezahlt werden. Aber konsequenter und wirksamer ist es, die Alkoholpropaganda der Hersteller zu beenden.

 

Frage: Und was müsste bei den Medikamenten passieren?

 

Antwort: Da sind wir schon auf einem guten Weg: Nicht nur wir engagieren uns gegen unreflektierte Verordnung, sondern auch die Bundesärztekammer. Die Ärzte müssen den Patienten bei der Verordnung grundsätzlich darauf hinweisen, dass das Medikament nur eine kurzfristige Linderung darstellt und echte Lösungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Krankengymnastik, Entspannungstraining oder eine Psychotherapie verordnen.

 

Frage: Abschlussfrage: Was wünschen Sie sich von den Hausärzten?

 

Antwort: Hausärzte sollten sich noch mehr trauen, mit dem Patienten grundsätzlich über Alkohol und andere Drogen zu sprechen. Dabei geht es nicht um den moralischen Zeigefinger, sondern darum, Gesundheitsgefahren frühzeitig zu erkennen und nicht erst, wenn es schon zu spät ist. Das Gespräch mit dem Patienten über seine Lebenssituation und seinen Konsum von Suchtmitteln sollte für den Arzt zur Selbstverständlichkeit werden.

Quelle: Ausgabe 02 / 2014 | Seite 4 | ID 42478784