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· Fachbeitrag · Gut beobachten

Psychopharmaka und ihre Risiken

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

| Unter Psychopharmaka versteht man verschiedene Gruppen von Wirkstoffen, die das seelische und geistige Befinden von Menschen beeinflussen. Viele von ihnen verursachen erhebliche unerwünschte Wirkungen, sodass die sachgerechte Anwendung eine umfangreiche Therapieüberwachung erfordert. Die Begleitung der Patienten gehört auch zu den Aufgaben der MFA. Sie können während ihrer Kontakte mit den Betroffenen wertvolle Informationen zur Therapietreue und dem Befinden erheben, die eine ärztliche Einschätzung vervollständigen. |

Verwendung und gesellschaftliches Image

Nach Angaben des Arzneimittelverordnungs-Reports liegen Psychopharmaka auf Platz drei der am häufigsten angewendeten Wirkstoffe in Deutschland. Die dem jährlich erscheinenden Bericht zugrunde liegenden Studien kritisieren, dass für einige Psychopharmaka keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise vorliegen und dass die Präparate oft nicht adäquat eingesetzt werden.

 

Das gesellschaftliche Image von Psychopharmaka stellt sich indes gespalten dar. Arzneimittel zur Behandlung von Psychosen, etwa schizophrenen Krankheitsbildern, sind mit dem negativen Stigma behaftet, das diesen Erkrankungen insgesamt anhängt. Psychostimulanzien, wie sie zum Beispiel bei der Behandlung der meist bereits im Kindesalter auftretenden Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome zum Einsatz kommen, genießen eine deutlich höhere Akzeptanz. Wichtig ist das Bewusstsein dafür, dass alle psychoaktiven Substanzen tief in das Gefühlsleben der Behandelten eingreifen. Deshalb kommt der sorgfältigen Beobachtung des Therapieverlaufs eine überragende Bedeutung zu.

Verordnungskompetenz gefragt

Für einen zielgerichteten Einsatz von Psychopharmaka ist Fachwissen unabdingbar. Dieses sollte sich nicht nur auf die Wirkmechanismen der Präparate beziehen, sondern auch auf die verschiedenen Erkrankungen, die eine entsprechende Therapie notwendig machen. Laut Arzneimittelverordnungs-Report gehen mehr als 40 Prozent der Anwendungen von psychoaktiven Substanzen auf Anordnungen von Allgemeinmedizinern zurück. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Allgemeinärzte über Kenntnisse verfügen, die sie in den Stand versetzen, eine Therapie mit Psychopharmaka optimal zu steuern. Grundsätzlich aber empfehlen die medizinischen Fachgesellschaften einhellig, die Verantwortung für die Verordnung psychoaktiver Substanzen in die Hände von Spezialisten, namentlich Psychiater und Neurologen, zu legen.

 

MERKE | Da die Behandlung psychischer Erkrankungen meist auf mehreren Säulen ruht, zum Beispiel Psychotherapie und pharmakologische Intervention, kann es erforderlich sein, mehrere Fachrichtungen zu beteiligen.

 

Sicherheit schaffen

Die Notwendigkeit, Psychopharmaka einnehmen zu müssen, kann bei den Patienten Ängste auslösen. Sie reichen von einer generellen Ablehnung über die Vermutung, einen Kontrollverlust zu erleiden, bis zu der Befürchtung, abhängig zu werden. Solche (oder ähnliche) Bedenken formulieren Patienten gegenüber den Mitgliedern des therapeutischen Teams.

 

Manchmal machen die Patienten diese Ängste nicht in klaren, durchdachten Äußerungen deutlich, sondern beschränken sich auf Andeutungen oder indirekte Hinweise. Neben einer einfühlsamen, zugewandten und aufmerksamen Gesprächshaltung können folgende Strategien helfen, Vorbehalte abzubauen und eine positive Haltung der Patienten zur Therapie zu fördern.

 

  • So fördern Sie eine positive Haltung des Patienten zu Psychopharmaka
  • Versuchen Sie, herauszufinden, ob der Patient seine Diagnose verstanden hat und ob er weiß, welche therapeutischen Optionen damit verbunden sind. Falls Ihnen in diesen Punkten Defizite auffallen, regen Sie ein erneutes Aufklärungsgespräch mit dem Arzt an. Beziehen sich die Unsicherheiten auf Details, versuchen Sie im Rahmen Ihrer fachlichen Kenntnisse, die Lücken zu schließen.
  • Wenn die Gesprächssituation es zulässt, kann es gewinnbringend sein, herauszufinden, ob der Patient bereits Erfahrungen mit Behandlungen bei psychischen Erkrankungen gemacht hat und welche Haltung er dazu einnimmt.
  • Versuchen Sie, so genau wie möglich herauszufinden, ob der Patient sich über die Wirkungen der Medikamente, deren Dosierung sowie die im Zuge der Behandlung erforderlichen Untersuchungen und Kontrollen ausreichend informiert fühlt. Dokumentieren Sie die eventuell auftretenden zusätzlichen Aufklärungsbedürfnisse und sorgen Sie dafür, dass der Patient die entsprechenden Informationen in angemessener Form erhält.
  • Machen Sie in den Gesprächen deutlich, dass alle Mitglieder des Behandlungsteams zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, auf Unsicherheiten, neu auftretende Krankheitszeichen oder andere Probleme zu reagieren. Damit stärken Sie das Vertrauen des Patienten in die Behandlung.
 

Selbstständigkeit des Patienten einschätzen

Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen die Gewissheit, selbstbestimmt über die gewählte Therapie entscheiden zu können. Selbst wenn sie in bestimmten Situationen nicht handlungsmächtig wirken, registrieren die Patienten sehr genau, ob sie als ernst zu nehmende Gesprächspartner wahrgenommen und akzeptiert sind.

 

Hierbei ist allerdings eine Balance zu wahren. Manche Erkrankung führt auch dazu, dass der Betroffene seine persönlichen Fähigkeiten überschätzt oder aufgrund eines Mangels an Antrieb oder fehlender intellektueller Fähigkeiten, nicht in der Lage ist, die aktuelle Situation realitätskonform einzuschätzen. Im Zweifel können MFA dem Patienten folgende Hinweise an die Hand geben.

 

  • Empfehlungen für Patienten
  • Verordnete Medikation und deren Dosierung exakt einhalten. Eine Abweichung von der ärztlichen Verordnung bedarf erheblicher Erfahrung mit dem jeweiligen Wirkstoff sowie einer genauen Kenntnis der erwünschten und unerwünschten Wirkungen.
  • Selbst rezeptfrei erhältliche Arzneimittel nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Selbst scheinbar harmlose Wirkstoffe können in Kombination mit Psychopharmaka schädliche Wechselwirkungen erzeugen.
  • Alle Beschwerden oder sonstigen Reaktionen, die (vermutlich) von dem verordneten Medikament ausgelöst sind, umgehend mit dem Arzt besprechen, um möglichst schnell eine Lösung finden zu können.
  • Insbesondere Dauermedikationen nicht abrupt absetzen. Neben den Wirkungen auf die Krankheit, gegen die das Präparat eingesetzt ist, können auch schwere Entzugserscheinungen auftreten - selbst wenn das Arzneimittel keine Abhängigkeit verursacht.
 

Empfehlenswerte Überwachungsmaßnahmen

Jede pharmakologische Therapie benötigt eine Überwachung, die sich auf die Wirkung der Arzneimittel und die Reaktionen des Behandelten bezieht. Art und Umfang dieser Kontrollen unterscheiden sich auch bei den Psychopharmaka deutlich. Einige Aspekte gehören zu den Aufgaben der MFA, weil sie die Zeichen im Laufe ihrer Gespräche mit den Patienten erkennen können.

 

  • Risiken von Psychopharmaka nach Arzneimittelgruppen

Neuroleptika

  • Bewegungsstörungen (extrapyramidales Syndrom), zu denen Unruhe (Akathisie) sowie Früh- und Spätdyskinesien gehören
  • Störungen der Sexualfunktionen
  • Beeinflussung der Stimmung (Patienten wirken eventuell extrem gedrückt)
  • Regelmäßige Kontrollen von Puls, Blutdruck, Blutbild, Nieren- und Leberwerten sowie EKG empfohlen

Antidepressiva

  • Erhöhte Suizidalität (besonders zu Beginn der Therapie). Gefahr durch die Präparate selbst, da sie bei Überdosierung Vergiftungserscheinungen verursachen können
  • Keine Abhängigkeitsentwicklung, aber verstärktes Auftreten der Krankheitszeichen bei abruptem Absetzen

Schlafmittel/Tranquilizer/Anxiolytika

  • Entstehung einer Abhängigkeit, erkennbar unter anderem an einer nicht abgesprochenen Steigerung der Dosis (Frequenz der Rezeptierungswünsche kann steigen)
  • Beeinträchtigung der Verkehrsfähigkeit, zum Beispiel an unkoordinierten oder verlangsamten Bewegungen erkennbar
  • Erhebliche Risiken bei unkontrollierter eigenmächtiger Einnahme

Phasenprophylaktikum (Lithiumsalze)

  • Regelmäßige Spiegelbestimmungen empfohlen
  • Lithiumpass ausstellen und darin Blutwerte sowie aktuelle Dosierung vermerken
  • Störungen verschiedener Organfunktionen, zum Beispiel Veränderungen des Blutbilds, Diabetes insipidus, Schilddrüsenunterfunktion, Nephropathie möglich

Psychostimulanzien

  • Entstehung einer Abhängigkeit möglich
  • Vegetative Symptome möglich, zum Beispiel Herzrasen, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck
Quelle: Ausgabe 11 / 2014 | Seite 5 | ID 42993322