· Fachbeitrag · Fortbildung
Migranten in der Arztpraxis: Wissenswertes für die MFA
von Yvonne Schuck, Medienbüro Medizin (MbMed), Hamburg
| In der Arztpraxis sind MFA die ersten Ansprechpartner der Patienten. Das gilt natürlich auch für Migranten. Bei Patienten, die aus anderen Ländern und fremden Kulturen stammen, schaffen nicht nur Sprachbarrieren Verständnisprobleme. Auch kulturelle und religiöse Unterschiede können für Verwirrung auf beiden Seiten sorgen. Um MFA für die damit verbundenen Herausforderungen zu schulen, bietet die Akademie für ärztliche Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe das Curriculum „Migranten in der Arztpraxis“ an. |
Deutschland: Eine multikulturelle Gesellschaft
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts haben etwa 19 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Im Gesundheitsbereich gibt es zwar einige Ansätze, die besonderen Bedürfnisse von Migranten zu berücksichtigen, diese beziehen sich aber vorwiegend auf den institutionellen Bereich, also Kliniken und Pflegeeinrichtungen. In der ambulanten medizinischen Versorgung findet das Thema noch wenig Beachtung. Mit der Fortbildung „Migranten in der Arztpraxis“ verfolgt die Ärztekammer Westfalen-Lippe das Ziel, MFA und Patienten mit Migrationshintergrund den ersten Kontakt, aber auch den weiteren Umgang miteinander zu erleichtern.
Die Schwierigkeiten beginnen bei der Kommunikation. Deutsch ist nicht die Muttersprache der Migranten und es fällt ihnen schwer, medizinische Probleme zu beschreiben. Häufig fehlen ihnen die passenden deutschen Begriffe. Die besonderen Herausforderungen gehen aber über die rein sprachlichen Verständnisprobleme hinaus. Kulturelle Unterschiede, etwa ein anderes Verständnis von Körperbild und Gesundheit, können es Migranten erschweren, eine optimale medizinische Versorgung zu erhalten. Dementsprechend sehen sich MFA im Umgang mit dieser Patientengruppe häufig mit Problemen konfrontiert, auf die sie ihre Ausbildung so nicht vorbereitet hat.
Kulturelle Sensibilität entwickeln
Ein Ziel der Fortbildung ist es, MFA für die kulturellen Besonderheiten der Patienten mit Migrationshintergrund zu sensibilisieren. Denn Fremdem stehen wir häufig zunächst zurückhaltend, manchmal sogar unbewusst ablehnend, gegenüber. Migranten haben dann schnell das Gefühl, in der Praxis nicht willkommen zu sein. In manchen Fällen verhalten sich diese Patienten auch nicht so wie erwartet und fallen, ohne dies zu wollen, unangenehm auf. Bei Patienten mit Migrationshintergrund kann dies zum Beispiel der Fall sein, weil sie mit den normalen Abläufen in einer Arztpraxis nicht vertraut sind und nicht wissen, was sie erwartet.
Pünktlichkeit ist ein Thema, bei dem kulturelle Unterschiede schnell deutlich werden. Nicht überall wird das rechtzeitige Erscheinen zu Terminen so ernst genommen wie in Deutschland. Missverständnisse und Konflikte sind vorprogrammiert. Auch die Auffassung von Privatsphäre kann sich unterscheiden. Halten Migranten dann etwa bei der Anmeldung nicht den vorgesehenen Abstand ein, fühlen sich andere Patienten möglicherweise unwohl und die MFA greift ein. Ist sie sich in dieser Situation der Problematik kultureller Besonderheiten bewusst, kann sie das Thema einfühlsam ansprechen und erklären, warum es wichtig ist, den vorgesehenen Abstand einzuhalten. Bei der Terminvergabe kann Sie frustrierende Erlebnisse auf beiden Seiten verhindern, indem Sie darauf hinweist, dass die Praxis großen Wert darauf legt, dass Patienten pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt erscheinen.
MERKE | Das Wissen um kulturelle Besonderheiten erlaubt MFA also, auf die besonderen Bedürfnisse von Patienten mit Migrationshintergrund einzugehen und bei Problemen frühzeitig und gezielt gegenzusteuern. |
Unterschiede wahrnehmen und überwinden
Die Fortbildung widmet sich der Beziehung zwischen MFA und Migranten auf verschiedenen Ebenen. Sie beginnt mit einer Einführung zu den verschiedenen in Nordrhein-Westfalen vertretenen Nationen und Kulturkreisen. Danach setzen sich die MFA mit dem Begriff „Migrant“, verschiedenen Migrationsphasen sowie ihrer eigenen kulturellen Prägung auseinander. Sie beschäftigen sich mit dem kulturspezifischen Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Beim Thema Scham beispielsweise gibt es große kulturelle Unterschiede. Schamgrenzen sind nicht nur individuell verschiedenen, sondern variieren auch je nach Kulturkreis. Darüber hinaus thematisiert die Fortbildung Ernährungsaspekte, etwa die besonderen Speisevorschriften, und gibt Tipps, wie MFA Migranten Präventionsangebote vermitteln können.
Um Sprachbarrieren in Zukunft leichter zu überwinden, trainieren die MFA in praktischen Übungen die Kommunikation mit Migranten, aber auch die Nutzung von Dolmetscherdiensten für den Gesundheitsbereich thematisiert die Fortbildung. Für einen reibungslosen Praxisablauf kann beispielsweise bereits beim ersten Telefongespräch erfragt werden, ob ein Patient mit geringen Deutschkenntnissen beispielsweise in Begleitung eines Verwandten oder Bekannten kommt, der bei der Kommunikation behilflich sein kann oder ob ein Dolmetscher benötigt wird. Ziel ist es, den MFA kulturelle Kompetenzen zu vermitteln, die es ihnen ermöglichen den Praxisalltag so zu gestalten, dass alle zufrieden sind - Patienten und Praxisteam.
Weiterführende Hinweise
- Patienten aus anderen Kulturen: Steigern Sie Ihre interkulturelle Kompetenz(PPA 02/2009, Seite 7)
- Schamgefühlen in der Arztpraxis angemessen begegnen (PPA 03/2009, Seite 18)
- Mehrsprachige MFA: Versorgen und Dolmetschen (PPA 11/2009, Seite 15)