Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww

· Fachbeitrag · Beratungsstellen

Hilfsangebote für Patienten mit Essstörungen

Interview von PPA-Redakteur Stefan Lemberg mit Andreas Schnebel, Vorstand und therapeutischer Leiter, ANAD® e. V. Versorgungszentrum Essstörungen

| ANAD ® (Anorexia Nervosa and Associated Disorders) e. V. Versorgungszentrum Essstörungen ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Menschen, die von Essstörungen betroffen sind. Der Verein unterstützt Betroffene durch vielfältige Beratungs- und Therapieangebote, hält Vorträge und Seminare zum Thema „Essstörungen“ und sensibilisiert die Öffentlichkeit durch Medienarbeit. Die PPA-Redaktion sprach mit Andreas Schnebel, Vorstand und therapeutischer Leiter von ANAD® e. V. |

 

Redaktion: Herr Schnebel, wie hat sich das Phänomen Essstörungen in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre gewandelt?

 

Schnebel: Essstörungen galten lange als Erkrankung der „höheren Töchter“, aber sie sind in allen Gesellschaftsschichten präsent. Auch ging man früher davon aus, dass Essstörungen ein Problem der Pubertät sind und sich dann „verwachsen“. Doch heute muss man sagen, dass die Altersrange von 8 bis 60 Jahren reicht. Die Erkrankung hat hohes Potenzial, eine chronische Ausprägung zu erreichen und geht fast immer mit Begleiterkrankungen wie Depressionen, Ängsten und Zwängen, Borderline-Störungen oder anderem Abhängigkeitsverhalten einher. Auch Männer sind heute immer öfter betroffen und erhalten noch viel seltener entsprechende Hilfsangebote.

 

Redaktion: Woran liegt das?

 

Schnebel: Der gesellschaftliche Druck in allen Lebensaltern ist gestiegen. Vermeintliche Vorbilder sind überall präsent. Es entsteht der Eindruck, dass Selbstoptimierung nur eine Frage der Beharrlichkeit ist und jeder alles schaffen kann. Das ist ein Trugschluss: Menschen sind verschieden und das ist gut so! Wir sind keine geklonten Wesen, sondern Individuen, mit individuell funktionierenden Körpern und Seelen. In der Pubertät ist man allerdings anfällig für falsche Vorbilder und versucht, diesen so nahe wie möglich zu kommen.

 

Redaktion: Welche Personengruppen sind besonders anfällig?

 

Schnebel: Dazu gehören vor allem Menschen mit hoher Selbstunsicherheit, denen ein stabiles soziales Umfeld fehlt und die zu Perfektionismus neigen bzw. hohe Erwartungen an sich selbst stellen. Wenn dann belastende Ereignisse wie die Scheidung der Eltern oder der Tod eines Angehörigen hinzukommen, führt der Weg rasch zur Essstörung oder Abhängigkeitserkrankung.

 

Redaktion: Woran erkennen Ärzte und MFA betroffene Personen?

 

Schnebel: Das hängt von der Form der Essstörung ab. Magersucht und Bulimie äußern sich in unterschiedlichen Merkmalen. (Anmerkung der Redaktion: siehe dazu den Beitrag in PPA 06/2015, Seite 6 ). Beiden Störungen gemeinsam ist die Angst vor einer Gewichtszunahme und die gedankliche Einschränkung auf die Themen Essen, Gewicht, Figur, meist verbunden mit sozialem Rückzug und Interessenverlust.

 

Redaktion: Welche besonderen Bedürfnisse haben Patienten?

 

Schnebel: Die Patienten brauchen Verständnis für ihre Erkrankung, Zuwendung, Zeit für die dahinterliegende Problematik, Geduld, frühzeitige professionelle Hilfe, aber auch konsequente, klare Zielformulierungen.

 

Redaktion: Was können Ärzte und MFA tun, die Betroffene behandeln?

 

Schnebel: Wenn die akute Bedrohung für das Leben oder die Gesundheit des Patienten ausgeschlossen bzw. beseitigt ist, sollte man versuchen, einfühlsam über weitere Schritte mit dem Patienten und dessen Angehörigen zu sprechen. Je nach Schweregrad der Störung kann eine ambulante Psychotherapie oder ein Aufenthalt in einer psychiatrischen oder psychosomatischen Klinik angezeigt sein. Alle Unterstützer müssen versuchen, an der Krankheitseinsicht des Patienten zu arbeiten und die Motivation für Veränderung zu stärken. Ein positiver Therapieverlauf wird nur gelingen, wenn die Eigenmotivation hoch gehalten werden kann und das Unterstützungssystem verzahnt miteinander arbeitet. Druck und Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter.

 

Redaktion: Wie sieht das ideale Therapiekonzept für Essstörungen aus?

 

Schnebel: Das ideale Therapiekonzept ist ein individualisierbares Stufenmodell mit multidisziplinärem Ansatz, das heißt, ein „Behandlungsstrauß“ aus vielfältigen Angeboten von der geschlossenen psychiatrischen Abteilung über therapeutische Wohnformen unterschiedlicher Abstufung bis hin zur ambulanten therapeutischen und pädagogischen Begleitung. Der Behandlungspfad, sollte individuell an die Lebenssituation jedes einzelnen Patienten angepasst sein. Sinnvoll ist ein Therapiekonzept das auf den drei Säulen Psychotherapie, Sozialpädagogik und Ökothrophologie basiert und von entsprechend erfahrenen Ärzten flankiert wird. Zunächst sollte ein gemeinsames Störungsmodell entwickelt werden, um ganzheitlich in der Behandlung ansetzen zu können.

 

Redaktion: Welche Rolle nimmt die Hausarztpraxis in der Betreuung betroffener Patienten ein?

 

Schnebel: Die Hausarztpraxis ist sehr oft die erste Anlaufstelle. In vielen Jahren ist eine tragfähige Beziehung entstanden und der Hausarzt ist vermutlich der Erste, der die Veränderung verifizieren und ansprechen kann. Empfehlungen von ihm haben sicher mehr Einfluss als die Bitte von Eltern. Er kann schon frühzeitig über die Möglichkeit der Beratung durch Fachberatungsstellen im Internet oder vor Ort aufklären. Es wäre gut, wenn er eine Liste dieser Kontaktadressen und von niedergelassenen Psychotherapeuten bereitliegen hätte. Bei ihm können die Befunde aller Beratenden und Behandelnden zusammenlaufen, sodass ein detailliertes Gesamtbild der Störung und des aktuellen Zustands des Patienten entsteht.

Quelle: Ausgabe 06 / 2015 | Seite 11 | ID 43352571