Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww

· Fachbeitrag · Sachlich aufklären

Kommunikation mit tumorkranken Patienten

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, Buch am Buchrain

| Menschen, bei denen eine bösartige Erkrankung festgestellt wurde, sind sehr verletzlich. Die Diagnose zwingt sie, sich mit den vielfältigen Folgen auseinanderzusetzen: unerwünschte Wirkungen der Behandlung, schwerwiegende Veränderungen des Körperbildes und eine verkürzte Lebenserwartung können den Verlauf bestimmen. MFA begleiten den Prozess oft von Anfang an und sind deshalb wichtige Gesprächspartner, Vertrauenspersonen und Ratgeber. Um diese Rollen sinnvoll ausfüllen zu können, sollten Sie die richtigen Kommunikationstechniken anwenden. |

Wirkungen der Behandlung

Der Verlauf bösartiger Erkrankungen kann sehr unterschiedlich sein. Entsprechend verschieden zeigt sich das Befinden der Betroffenen. Zu Beginn steht vor allem die Unsicherheit über mögliche Therapien und deren Wirkungen im Vordergrund. Die Maßnahmen gegen Tumoren sind häufig sehr radikal und gehen mit entsprechend massiven unerwünschten Folgen oder körperlichen Einschränkungen einher:

 

  • Operationen verändern die gewohnten körperlichen Funktionen, zum Beispiel durch Anlage eines künstlichen Darmausgangs (Enterostoma), beeinträchtigen das Körperbild bzw. die sexuelle Identität, zum Beispiel durch Amputation einer der Brüste (Ablatio mammae), der Hoden, der Entfernung der Gebärmutter (Uterus) oder der Eierstöcke (Ovarien).

 

  • Chemotherapie beeinträchtigt oft unmittelbar das Befinden durch anhaltende Übelkeit mit Erbrechen und wirkt sich ungünstig auf das Körperbild aus, weil sie den Verlust der Haare zur Folge hat. Diese beiden Erscheinungen sind reversibel.

 

  • Bestrahlungen können zu vorübergehenden, verbrennungsähnlichen Verletzungen der Haut sowie dauerhafter Narbenbildung führen.

 

Diese unerwünschten Wirkungen sind in der Bevölkerung allgemein bekannt und verursachen auch deshalb bei den meisten Betroffenen Ängste, die unter Umständen ebenso stark sein können, wie jene vor der eigentlichen Erkrankung.

Wirkungen der Erkrankung

Die Erkrankung selbst wirkt sich in unterschiedlicher Intensität auf das Befinden der Patienten aus. Bei einigen Tumoren stellen sich über lange Zeit keine oder lediglich leichte Symptome ein. Manchmal sind die Tumoren zum Zeitpunkt der Diagnose jedoch schon sehr weit fortgeschritten. Dies mindert die Chance auf Heilung und verursacht außerdem erhebliche Beschwerden, die je nach Lokalisation des Tumors alle körperlichen Funktionen betreffen können.

 

PRAXISHINWEIS | Die Angst vor Schmerzen ist für Krebspatienten typisch - und nicht unbegründet. Als MFA können Sie darauf reagieren, indem Sie auf wirksame Therapeutika verweisen. Bedenken Sie aber, dass die Verordnung geeigneter Arzneimittel ausschließlich eine ärztliche Aufgabe ist. In diesem Zusammenhang können Sie den Patienten helfen, indem Sie die in den Gesprächen gewonnenen Informationen an den Arzt weitergeben und auf diese Weise dazu beitragen, die Behandlung zielgerichtet zu steuern.

 

Gesprächsbedürfnis variiert von Patient zu Patient

Tumorkranke Menschen unterscheiden sich im Grundsatz nicht von anderen Patienten, mit denen MFA täglich zusammentreffen. Ihre Kommunikationsbedürfnisse sind direkt von der Art ihrer Erkrankung abhängig. Ein 80-jähriger Patient, dem der Arzt eröffnet, an einem Prostatakarzinom erkrankt zu sein, kann sich darauf einrichten, dass dieser Tumor vermutlich nicht ursächlich für seinen Tod sein wird. Anders bei einem 20-jährigen Mann, der an einem Hodenkarzinom leidet: Er hat sich nicht nur mit der realen Bedrohung durch eine verkürzte Lebenserwartung, sondern auch mit einem möglichen Verlust seiner Zeugungsfähigkeit auseinanderzusetzen.

 

PRAXISHINWEIS | Passen Sie als MFA Ihre Gesprächshaltung dem Alter und den Lebensumständen des Patienten an.

 

Sinnvolle Gesprächsführung

Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung und der daraus erwachsenden infausten Prognose reagieren sehr empfindlich auf unzulängliche Gesprächsangebote, die sich in Worthülsen oder offenkundig hilflosen Phrasen erschöpfen. Es ist besser, offen zuzugeben, dass einem angesichts eines Schicksals die Worte fehlen, als so zu tun, dass man wisse, wie damit in scheinbar professioneller Manier umzugehen sei. Der Zugang zu den Patienten erschließt sich durch eine Übereinstimmung des Gesagten mit den tatsächlichen Gefühlen. Wenn Sie ratlos sind, sagen Sie deutlich, dass Sie keinen Rat wissen. Daraus erwächst Mitgefühl, das dem Patienten hilft, auch wenn es seine Situation nicht bessert.

 

PRAXISHINWEIS | Neben der Empathie, die vor allem durch das persönliche Verhältnis zum Betroffenen bestimmt ist, können auch pragmatische Gesprächsregeln helfen, dem Patienten eine sinnvolle Unterstützung zu geben. Versetzen Sie sich in die Situation des Betroffenen. Handeln Sie so, wie Sie es selbst wünschen würden, wenn Sie erkrankt wären.

 

Geht es um einen Menschen, den Sie bereits seit Jahren kennen, zu dem Sie eine Beziehung aufgebaut haben, wählen Sie am besten gesicherte Kommunikationswege, die durch den Grad Ihrer Vertrautheit vorgegeben sind. Unabhängig davon lassen sich aus den gängigen Kommunikationsmodellen einige Verhaltensregeln ableiten, die einen Schaden durch unbedachte Formulierungen abwenden.

 

Die folgende Zusammenfassung hilft Ihnen, die richtige Gesprächshaltung einzunehmen und gezielt auf die Bedürfnisse des Patienten einzugehen. Beschränken Sie sich zunächst am besten auf Fragen. Aus den Antworten können Sie möglicherweise weitere Schritte des Gesprächs ableiten oder den Bedarf nach zusätzlichen, besonders spezialisierten Ansprechpartnern (zum Beispiel Psychologe, Psychiater) erkennen.

 

  • Leitfragen für das Gespräch mit Tumorpatienten

Sicherheitsdefizite erkennen

  • Wie schätzen Sie Ihre Krankheit ein?
  • Fühlen Sie sich von den behandelnden Ärzten (auch des Krankenhauses) ausreichend aufgeklärt?
  • Welche Gefühle bewegen Sie, wenn Sie an Ihre Krankheit denken?
  • Vor welchen Ereignissen in der Zukunft haben Sie Angst?
  • Befürchten Sie, künftig Ihre eigenen Belange nicht ausreichend vertreten oder ordnen zu können?
  • Ist Ihre Familie informiert - und wie stellen Ihre Angehörigen sich zu der Erkrankung?
  • Haben Sie für diesen Erkrankungsfall vorgesorgt (zum Beispiel per Patientenverfügung, Verfügungsvollmacht, siehe auch PPA 01/2015, Seite 14)?

Krankheitsverständnis beurteilen

  • Was haben Sie empfunden, als Sie die Diagnose zum ersten Mal gehört haben?
  • Was denken Sie jetzt über die Erkrankung?
  • Haben Sie Angst?
  • Wie beurteilen Sie Ihre Chancen in der Zukunft?
  • Was halten Sie von der Therapie, die der Arzt Ihnen vorgeschlagen hat?
  • Wissen Sie, mit welchen unerwünschten Wirkungen der Behandlung Sie rechnen müssen?
  • Haben Sie sich über Einschränkungen Gedanken gemacht, die mit der Krankheit einhergehen können?
  • Wissen Sie, wie Sie die Behandlung durch Ihr eigenes Verhalten möglichst gut unterstützen können?

Vorsorge einschätzen

  • Haben Sie eine Patientenverfügung aufgesetzt?
  • Sind Sie jetzt und in der Zukunft ausreichend versorgt?
  • Entspricht die Behandlungsstrategie Ihren Wünschen?
  • Haben Sie Ihre Angelegenheiten so geregelt, dass Ihre Wünsche zweifellos erkennbar sind?

Ressourcen ermitteln

  • Verfügen Sie über Hilfen Ihrer Familienmitglieder?
  • Wer kümmert sich um Sie, wenn es Ihnen nicht gut geht?
  • Fühlen Sie sich in Ihrem sozialen Umfeld gut aufgehoben?
  • Wie gehen Sie mit Ihren körperlichen Defiziten um?
  • Haben Sie alle Hilfsmittel zur Verfügung, die Sie benötigen? Können Sie mit diesen Hilfsmitteln umgehen?

Hilfebedarf einschätzen

  • Was halten Sie für den schlimmsten Aspekt in Ihrer Situation?
  • Was empfinden Sie momentan als größte Hilfe?
  • Womit kann ich Ihnen jetzt am besten helfen?
 

 

Beachten Sie | Die Fragen in der Tabelle sind nicht wörtlich gemeint, sondern sollen auf Themen aufmerksam machen, die Sie im Kontakt mit den Patienten ansprechen können. Wie Sie jeweils rhetorisch vorgehen, ergibt sich aus der Situation sowie aus Ihrem Verhältnis zu dem betroffenen Patienten.

Quelle: Ausgabe 05 / 2015 | Seite 10 | ID 43278071