· Fachbeitrag · Patientenkommunikation
Umgang mit heroinabhängigen Patienten
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Heroinabhängige Patienten, die sich zur Behandlung in der Arztpraxis befinden, können schwierige Patienten sein. Manche geraten in einen Redeschwall, andere reagieren aggressiv. Solche Verhaltensmuster sind besonders auch für die MFA eine echte Herausforderung. Doch man kann lernen, mit ihnen umzugehen. |
Grundsätzlich: respektvoller Umgang
Es ist für beide Seiten förderlicher, wenn Sie eine wertfreie Haltung gegenüber dem Patienten einnehmen. Warum auch immer jemand abhängig ist (viele Abhängige haben Missbrauchserfahrungen aus ihrer Kindheit), er ist jetzt ein kranker Mensch und hat ein Recht auf würdevollen Umgang.
PRAXISHINWEIS | Als ersten Schritt sollten Sie sich fragen, wie Ihre Einstellung zur Drogenabhängigkeit ist. Denken Sie, dass jeder sein Leben in der Hand hat und man selbst schuld ist, wenn man abhängig wird? Mit dieser Meinung werden Sie wahrscheinlich Aggressionen gegen Ihren Patienten entwickeln, was den Umgang mit ihm erschwert. Wer bereits Wut in sich hat, wird ein schwieriges Verhalten des Gegenübers weniger gut aushalten können. |
In Internetforen beklagen viele abhängige Patienten, sie würden in der Arztpraxis wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Bedenken Sie im Umgang mit Abhängigen immer, dass es sich hierbei um Menschen handelt, die sich ohnehin von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Tatsächlich neigt die Gesellschaft dazu, im Falle der Drogenabhängigkeit die Person für ihre Selbstgefährdung bzw. -schädigung schuldig zu sprechen, aber im Falle anderer Selbstgefährdungen - wie zum Beispiel durch Extremsport - tut sie dies nicht. Unabhängig davon kann der Umgang mit Menschen, die von Heroinabhängigkeit betroffen sind, schwierig sein.
Reden ohne Punkt und Komma
Drogenabhängigkeit kann Logorrhoe, gesteigerten Rededrang, verursachen. Wenn Ihr Patient redet und redet und Sie nicht zu Wort kommen lässt, machen Sie sich erst einmal klar, dass es sich hierbei um ein Krankheitssymptom handelt. Der Patient merkt es vielleicht selbst, kann aber nicht aufhören.
PRAXISHINWEIS | Menschen, die ununterbrochen reden, zwingen einen, unhöflich zu werden. Da Sie nicht die Zeit haben, dem Patienten so lange zuzuhören, was ohnehin nicht zielführend wäre, müssen Sie ihn unterbrechen, ihm ins Wort fallen. Tun Sie das ohne Vorwurf im Ton, aber sprechen Sie deutlich und bestimmt. |
Umgang mit Aggressionen
Drogenabhängige Menschen haben oft eine geringe Frustrationstoleranz und mangelnde Impulskontrolle. Aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls bewerten sie schnell etwas als Angriff und können dann aggressiv reagieren.
PRAXISHINWEIS | Betrachten Sie aggressives Verhalten als krankheitsbedingt und nehmen Sie es nicht persönlich. Setzen Sie ganz klare Grenzen. Sagen Sie zum Beispiel, dass Sie sich nicht anschreien lassen. Bleiben Sie ruhig und sachlich, machen Sie keine persönlichen Bemerkungen über den Patienten, was ihn weiter anfachen würde. |
Machen Sie sich klar, dass drogenabhängige Menschen tief im Inneren große Schamgefühle haben. Sie wehren diese Gefühle mit vermeintlicher äußerer Stärke ab.
Kognitive Defizite
Viele Patienten bringen Dinge durcheinander und halten Absprachen nicht ein, einfach, weil sie Sie gar nicht verstanden haben. Drogenkonsum zieht neuropsychologische Defizite nach sich: Betroffene können sich nicht gut konzentrieren und Dinge nicht gut merken.
PRAXISHINWEIS | Bei diesen Patienten ist es also umso wichtiger, deutlich zu sprechen und sicherzugehen, dass Sie verstanden wurden. Geben Sie alles Wichtige schriftlich als Notiz mit. Ärgern Sie sich nicht, etwas noch einmal erklären zu müssen. Denken Sie daran, dass auch Sie einmal in eine vergleichbare Situation kommen können, zum Beispiel, wenn Sie älter werden. |
Manipulatives Verhalten
Menschen mit Drogenproblemen neigen dazu, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Wenn Ihnen Ihr Patient erklärt, der Arzt oder Apotheker hätte aber dieses oder jenes gesagt, und Ihnen dies seltsam erscheint, denken Sie daran, dass es ein Manipulationsversuch sein könnte. Es kommt häufig vor, dass drogenabhängige Patienten andere Beteiligte gegeneinander auszuspielen versuchen.
PRAXISHINWEIS | Im Zweifelsfall sollten Sie Rücksprache mit der betreffenden Person (zum Beispiel Arzt oder Apotheker) halten. Seien Sie dem Patienten gegenüber selbstverständlich nicht vorwurfsvoll. Klären Sie die Angelegenheit sachlich ab. Es könnte sich ja auch tatsächlich um ein Missverständnis handeln. |
WEITERFüHRENDER HINWEIS
- Lesen Sie dazu auch den Beitrag „Drogenabhängige Patienten in der Arztpraxis“ (PPA 05/2010, Seite 11).