· Fachbeitrag · Männer als Patienten
„John Wayne braucht keinen Arzt!“
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
| Dass Männer, statistisch gesehen, weniger gesundheitsbewusst leben als Frauen, ist allgemein bekannt. Der Weltmännertag am 3. November fokussiert unter anderem auch die Männergesundheit. Doch wie sollten Praxisteams mit Männern als Patienten umgehen? Gibt es Unterschiede in der Kommunikation von Frauen und Männern? Fakt ist: Frauen und Männer erfahren, auch heute noch, eine unterschiedliche Sozialisation. Daher existieren zumindest tendenzielle Unterschiede. Welche das sind und wie Sie als MFA dieses Wissen nutzen können, lesen Sie im folgenden Beitrag. |

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Männer reden weniger
Männer reden im Behandler-Patienten-Gespräch weniger als Frauen. Frauen geben detailliertere Informationen und fragen häufiger nach. Das bedeutet für die Behandler, dass sie ihrerseits bei männlichen Patienten nicht davon ausgehen dürfen, dass der Patient alle Ausführungen verstanden hat. Nur so können sie Missverständnissen vorbeugen.
PRAXISHINWEIS | Bedenken Sie, dass Ihr männlicher Patient nicht unbedingt von sich aus hinreichend Informationen gibt. Fragen Sie, wenn Sie weitere Informationen brauchen. Und vergewissern Sie sich, dass Sie verstanden wurden. |
Männer zeigen weniger Gefühle
Es ist noch immer so: Männer zeigen ihre Gefühle im Vergleich zu Frauen weniger offen. Sie wollen nicht verweichlicht wirken, sondern vielmehr Stärke demonstrieren. So haben es Behandler bei ihnen schwerer, zum Beispiel Schmerz an der Mimik zu erkennen als bei Patientinnen.
PRAXISHINWEIS | Bedenken Sie, dass Ihr männlicher Patient bei der Blutabnahme oder einem anderen potenziell schmerzhaften Eingriff seinen Mann stehen will und seine Angst und sein Schmerzempfinden nicht zeigen wird. Fragen Sie von daher ruhig, ob ihm die Spritze wehtut. |
Männer finden emotionale Unterstützung nicht so wichtig
In einer Studie der Universität Freiburg zur alters- und geschlechtsspezifischen Patientenkommunikation beurteilen Männer den Aspekt „emotionale Unterstützung“ als „nicht so wichtig“. Viel wichtiger ist ihnen zum Beispiel Information über die Erkrankung. Das passt zu anderen Untersuchungsergebnissen, wonach Männer mehr sach- als beziehungsorientiert sind.
PRAXISHINWEIS | Sie sind eine empathische MTA? Gut so! Vermeiden Sie aber allzu häufigen emotionalen Zuspruch bei Ihren männlichen Patienten. Agieren Sie jedoch auch nicht wie ein Roboter. Auch Männer brauchen letztlich Verständnis. |
Männer wollen klare Anweisungen
Wir Frauen wollen nicht unhöflich sein und formulieren unsere Bitte oft umständlich: Der Satz ist lang, enthält Konjunktive, wirkt nebulös. Männer können mit dieser Art Ansprache nicht viel anfangen, für sie ist das zu unklar und kompliziert. Freilich kommt diese Art Ansprache eher in privaten Situationen vor, aber auch in der Praxis können Sie sich um eine klare Sprache bemühen.
PRAXISHINWEIS | Sagen Sie Ihrem männlichen Patienten nicht „Wäre es für Sie in Ordnung, Ihre Hose auszuziehen?“, sondern „Bitte ziehen Sie Ihre Hose aus“. Natürlich nicht streng und kühl. Bleiben Sie freundlich. Achten Sie darauf, ob der Patient ein Problem mit dem Ausziehen hat. Empfangen Sie solche Signale, können Sie immer noch empathisch darauf eingehen, ebenfalls mit klaren Worten. |
Unterschiede nicht überbewerten
Unterschiede in der Kommunikation von Frauen und Männern sind im Praxisalltag wahrscheinlich nicht so groß, wie es den Anschein hat. Eine Überbewertung birgt immer die Gefahr, dass man Klischees bedient und zementiert. Und unabhängig davon, wie groß die Unterschiede sein mögen: Es gibt auch sehr „weibliche“ Männer wie auch sehr „männliche“ Frauen.
PRAXISHINWEIS | Bedenken Sie, dass Ihr männlicher Patient ein sehr sensibler, emotionaler Mensch sein kann, der zum Beispiel keine Probleme damit hat, seine Ängste zu zeigen. Ihm würden Sie nicht gerecht, wenn Sie ihm gegenüber weniger Empathie an den Tag legten als bei Frauen. Vertrauen Sie also am besten auf Ihre Wahrnehmung und Ihrem Bauchgefühl, wie Sie sich welchem Patienten gegenüber verhalten. |
Weiterführende Hinweise
- Th. Langer und M. W. Schnell (Hrsg.): Das Patient-Arzt- / Arzt-Patient-Gespräch. München 2009. (Zusammenfassung unter http://tinyurl.com/pn75cfy)
- Abschlussbericht des Projekts „Die Patient-Behandler-Kommunikation bei chronisch Kranken: Geschlechts- und altersspezifische Präferenzen von Patientinnen und Patienten“. PDF-Download unter http://tinyurl.com/p33qevz