· Fachbeitrag · Ganz zwanglos
Geistig behinderte Patienten in der Praxis
von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München
| Geistig behinderte Patienten fordern Praxisteams heraus. Sie leiden zusätzlich zu der bestehenden Einschränkung häufig an körperlichen Erkrankungen und es ist schwer, die Zeichen richtig zu deuten, weil sie oft hinter dem behinderungsbedingten Verhalten verborgen sind. Zugewandte und unkonventionelle Kommunikation kann einen Zugang schaffen. |
Hohe Anforderungen an die Patientenkommunikation
Menschen mit geistigen Behinderungen kommen im Gesundheitssystem nachweislich zu kurz. Ähnlich wie Demenzerkrankte sind sie in vielen Aspekten des täglichen Lebens von sozialen Beziehungen abgeschnitten. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Kommunikationsstrategien leben sie unter der ständigen Bedrohung, dass ihre Bezugspersonen auch schwere Gesundheitsprobleme nicht bemerken oder Krankheitszeichen verkennen. Natürlich führt die apparative Diagnostik bei behinderten und nichtbehinderten Menschen gleichermaßen zu objektiven Ergebnissen. Die Frage ist nur, ob sie angewendet wird, wenn der Patient nicht eindeutig mitteilen kann, was er empfindet.
Daraus entsteht für Menschen mit geistiger Behinderung ein besonders schweres Problem. Sie leiden überdurchschnittlich häufig zusätzlich unter körperlichen und psychiatrischen Erkrankungen. Dazu gehören Epilepsien, Harnwegsinfektionen, Inkontinenz, Zahnerkrankungen, Speiseröhrenentzündungen, Spastiken, Seh- und Hörstörungen, Demenz vom Alzheimertyp und Autismus. Für Praxisteams ergibt sich daraus eine Anforderung, die weit über jene hinausgeht, die im Zusammenhang mit intellektuell uneingeschränkten Patienten entsteht. Experten beklagen, dass die Struktur der medizinischen Versorgung zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse dieser Menschen nimmt.
Krankheitszeichen beobachten
Alle Mitglieder des behandelnden Teams sind aufgerufen, die nonverbalen Zeichen einer Erkrankung so genau wie möglich zu registrieren. Das ist ein besonders schwieriges Unterfangen, weil die (oft seit Geburt bestehende) Verhaltensauffälligkeit die Symptome neu aufgetretener und behandlungspflichtiger Erkrankungen maskiert. Wenn ein Patient zum Beispiel behinderungsbedingt regelmäßig stöhnt, ist die Abgrenzung zu einer Schmerzäußerung schwierig. Eine intensive Fremdanamnese durch die Befragung von Bezugspersonen, die mit dem Verhalten des Betroffenen vertraut sind, kann genaueren Aufschluss geben.
Vertrauen schaffen
Um geistig behinderte Menschen sachgerecht und zugewandt versorgen zu können, müssen Praxisteams also ganz individuelle Voraussetzungen schaffen, in denen die Betroffenen sich angenommen und wohl fühlen. Erst dann kann ein Vertrauensverhältnis entstehen, das es einerseits den Betroffenen ermöglicht, ihre Ressourcen der Kommunikation voll auszuschöpfen und andrerseits den betreuenden Personen einen Zugang zu dem Befinden der Patienten verschafft.
Kommunikation ermöglichen
Wenn die sprachliche Verständigung erschwert oder unmöglich ist, kann es sinnvoll sein, Hilfsmittel einzusetzen, die ein gewisses Maß an Verständigung ermöglichen. Neben zahlreichen computergestützten Systemen, die zum Teil exakt an individuelle Voraussetzungen angepasst sind, kommen vielfach relativ einfache analoge Strategien zum Einsatz, weil sie sich voraussetzungslos bedienen lassen.
Ein Beispiel ist die Wort- oder Situationstafel. Sie besteht aus einem Karton, auf dem Fotos von Gegenständen oder Situationen kleben, die im Alltag des Betroffenen häufig wiederkehren. Beide Partner der Kommunikation können dieses Hilfsmittel zur Unterstützung des verbalen Austauschs nutzen, um sich verständlich zu machen.
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Weiterführende Hinweise
- Patienten-Beschwerde- und Beratungsstelle des UKB Bonn: http://tinyurl.com/ngz5rd2
- Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung e.V.: www.dgsgb.de
- Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.: www.lebenshilfe.de
- Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen: www.behindertenbeauftragter.de