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27.05.2010 | Teammanagement

Wie können Sie zwei sehr unterschiedlichen Chefs gegenüber gleichermaßen loyal sein?

von Anna Schmiedel, Dortmund, www.anna-schmiedel.de

Sich auf unterschiedliche Behandlungsweisen Ihrer Chefs einstellen zu müssen, ist nicht immer einfach. Sind die Beziehungen innerhalb des Praxisteams und zu den Chefs jedoch unbelastet und von gegenseitigem Respekt geprägt, ist dies eine lösbare Herausforderung. Was aber, wenn die Chefs Schwierigkeiten miteinander haben? Wie verhält man sich als Mitarbeiterin am besten, wenn man mitbekommt, dass die Behandlungsqualität des einen Chefs sehr viel besser ist als die des anderen? „Praxisteam professionell“ zeigt Ihnen Lösungswege für möglicherweise auftretende Probleme auf.  

Uneinigkeit unter den Chefs

In einer Gemeinschaftspraxis geht es manchmal zu wie in einer Familie. Die Partner - also die Chefs - haben sich einst zusammengefunden und eine gemeinsame Zukunft aufgebaut. Im Laufe der Zeit haben beide auch die „Macken“ des anderen kennengelernt. Missverständnisse und Enttäuschungen können dazu führen, dass sie sich immer weiter voneinander entfernen und sich bald nichts mehr zu sagen haben. Ist der Zusammenhalt unter den Chefs zerbrochen, suchen sie sich fast immer Unterstützung innerhalb des Teams. Da sie nur das Nötigste absprechen, handhaben sie Praxisangelegenheiten oft sehr unterschiedlich.  

 

Beispiel

Einer der Chefs möchte zum „Welt-Diabetes-Tag“ einen Aushang im Wartezimmer machen. Die Rezeptionsmitarbeiterin fordert bei einem Medikamenten-Hersteller ein Plakat an und hängt es auf. Der andere Chef sieht es und reagiert empört. Er findet das Plakat scheußlich und ist generell dagegen, etwas in seiner Praxis anzubringen, das versteckte Werbung für bestimmte Firmen enthält. Für die betroffene Mitarbeiterin ist eine solche Situation äußerst unangenehm. Unbeabsichtigt steht sie nun zwischen den Stühlen.  

 

Lösungsweg: Reagieren Sie professionell und halten Sie sich aus dem Konflikt der Chefs heraus. Sie dürfen sich innerlich aufregen, aber beziehen Sie diesen Konflikt nicht auf sich, denn er hat weder mit Ihnen noch mit Ihrer Arbeit etwas zu tun!  

 

Wenn ein Chef Sie um die Erfüllung einer umfangreichen Aufgabe bittet, bei der Sie bereits ahnen, dass der andere Chef damit nicht einverstanden sein könnte, klären Sie das im Vorfeld. Ihr Frust wird naturgemäß stärker sein, wenn Sie bereits Zeit und Energie in etwas gesteckt haben, was später womöglich komplett über den Haufen geworfen wird. In diesem Sinne könnten Sie Ihr Anliegen wie folgt formulieren: „Ich möchte die mir gestellte Aufgabe sehr gerne erfüllen. Aus den vergangenen Monaten weiß ich jedoch, dass Ihre Erwartungen an mich nicht mit denen Ihres Kollegen übereinstimmen. Der Stress, der dabei für mich entstanden ist, war sehr unangenehm. Ich bitte Sie, dass wir über die anstehende Aufgabe zunächst kurz zu dritt sprechen, bevor ich mich an die Umsetzung mache.“  

 

Versuchen Sie aber nicht, als Schlichter zwischen Ihren Chefs aufzutreten oder zwischen den beiden zu vermitteln. Das steht Ihnen nicht zu und Sie werden sich dabei mit Sicherheit „die Finger verbrennen“. Klären Sie Sachliches auf sachlicher Ebene und überlassen Sie die Verantwortung für die Beziehung den beiden Beteiligten. Ob diese sich trennen oder ihre Missverständnisse aus dem Weg räumen, können sie nur selbst entscheiden.  

Sympathie

Je nach Persönlichkeitstyp können Sie mit einem Chef sehr viel mehr auf einer „Wellenlänge“ liegen als mit dem anderen. Diese Tatsache ist an sich nicht problematisch - menschliche Beziehungen sind unterschiedlich und dürfen es auch sein. Schwierig wird es erst, wenn man anfängt, zu werten und „in Schubladen zu denken“.  

 

Beispiel

Dr. M ist sehr empathisch. Er bemerkt, wenn es einer Mitarbeiterin schlecht geht, und fragt nach, was los ist. Er ist mitfühlend und versucht zu helfen. Sein Kollege Dr. B hingegen achtet wenig auf die Stimmungen seiner Mitarbeiterinnen. Da er auch mit seinen Empfindungen sehr zurückhaltend umgeht, ist der Kontakt mit ihm sehr sachlich.  

 

Lösungsweg: Für die meisten Mitarbeiterinnen sieht es so aus, als hätte Dr. M viel mehr Interesse an ihnen als Dr. B. Es fällt ihnen leichter, dem empathischen Chef einen Gefallen zu tun und beispielsweise länger zu bleiben, um noch eine Aufgabe zu erledigen. Hinter dem unterschiedlichen Verhalten verbergen sich unterschiedliche Persönlichkeitstypen. Dr. B würde vielleicht gerne eine persönlichere Beziehung zu seinen Mitarbeiterinnen pflegen, aber er kann „nicht aus seiner Haut“.  

Praxistipp: Falls Sie nicht sicher sind, wie einer der Chefs Ihre Arbeit beurteilt, fragen Sie nach. Möglicherweise werden Sie überrascht sein, wie positiv und präzise der zurückhaltendere Chef Ihre Arbeit wahrnimmt und wie sehr er Sie schätzt.  

Verbindlichkeit und Organisation

Bei Personalfragen und Fragen, die die Praxisorganisation betreffen, sind Chefs häufig verschieden. Dem einen fällt es leicht und er kümmert sich gerne um solche Angelegenheiten. Dem anderen erscheint es als Störung, die ihn von seiner eigentlichen Arbeit abhält.  

 

Beispiel

Dr. M macht Urlaub auf Anfrage in der Regel möglich. Fragt man hingegen Dr. S, heißt es immer, er müsse sich das erst einmal überlegen und schauen, ob es auch in den Praxisablauf passt. Dann wartet man oft tagelang auf eine Antwort - die allerdings nicht kommt, bis man ihn wieder anspricht.  

 

Lösungsweg: Naturgemäß werden die Mitarbeiter versuchen, so viele Angelegenheiten wie möglich mit Dr. M zu klären. Es wäre von großem Vorteil, wenn sich die Chefs bei einer solchen Konstellation auf eine Aufgabenteilung verständigen. Möglicherweise fällt es ihnen gar nicht auf, dass die Mitarbeiterin ihre Unterschiedlichkeit in diesem Punkt als Problem empfindet. Daher ist es ratsam, dass eine Kollegin das Thema anspricht und nachfragt, ob eine klare Zuständigkeit der Chefs für bestimmte Fragen denkbar ist. Dieses Thema eignet sich sehr gut für eine Teambesprechung.  

Unterschiedliche Behandlungsqualität?

Jeder Arzt arbeitet anders. Und auch wenn es ihnen nicht zusteht: Die Mitarbeiterinnen nehmen schnell eine Wertung der Behandlungsqualität vor, wenn das Leistungsspektrum identisch ist. Doch bedenken Sie: Die menschliche Wahrnehmung ist immer selektiv. Hören Sie von einer Kollegin häufig, wie schlecht Ihr Chef arbeitet, werden auch Sie seine Arbeit bald durch diese „Brille“ sehen. Stellen Sie sich deshalb immer wieder die Frage, ob Ihre Wahrnehmung der Realität entspricht.  

Alter und junger Chef

Wird ein Juniorpartner in die Praxis aufgenommen, kommt er in ein bestehendes Team mit gewachsenen Strukturen und hat es meist schwer, als Chef anerkannt zu werden. Natürlich hat der junge Arzt weniger Erfahrungen als sein älterer Kollege. Davon sollten Sie Ihren Respekt ihm gegenüber aber nicht abhängig machen. Achten Sie darauf, wie Ihre innere Haltung dem neuen Chef gegenüber ist. Beteiligen Sie sich nicht an den Gesprächen unter den Kolleginnen, wenn negativ über den jungen Chef gesprochen wird.  

Loyalität: Entscheidung statt Gefühl

Manchmal ist Loyalität ein Gefühl. Viel öfter ist es aber eine Willensentscheidung, denn loyales Verhalten ist nicht immer einfach oder angenehm. Sie können sich entscheiden, nicht mitzulästern. Sie können sich entscheiden, das anzusprechen, was die Arbeitsbeziehung belastet - auch wenn es Ihnen schwerfällt. Sie können sich entscheiden, sich nicht zurückzuziehen und abzuwarten, bis der andere den ersten Schritt macht. Das ist nicht leicht, aber es ist richtig, und Sie können stolz auf sich sein, weil Sie menschlich handeln und der Arbeitsbeziehung eine Chance geben, wirklich gut zu werden.  

 

Quelle: Ausgabe 06 / 2010 | Seite 6 | ID 135966