Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww

27.10.2010 | Schmerztherapie

Schmerzpatienten in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens Schmerz. Seine Ursachen sind ebenso vielfältig wie seine Ausprägungen. Und auch der Umgang mit Schmerzpatienten gelingt nicht nach „Schema F“, denn der Leidensdruck der Betroffenen ist meist sehr hoch. „Praxisteam professionell“ vermittelt die Grundlagen zum Thema und gibt Hinweise zum Umgang mit Schmerzpatienten.  

Schmerz - ein schwer zu greifendes Phänomen

Die Schwierigkeit bei der Einschätzung der Schmerzen besteht darin, dass weder ihre Qualität noch ihre Stärke zweifelsfrei messbar sind. Eine sichere Beurteilung von außen ist praktisch unmöglich. Schmerzen lassen sich allenfalls näherungsweise beschreiben. In der Schmerztherapie geht man deshalb davon aus, dass Schmerzen genau so vorliegen, wie der Betroffene sie beschreibt. Danach hat sich auch die Behandlung zu richten.  

 

Die Art, wie ein Mensch Schmerzen wahrnimmt, hat nicht nur etwas mit den rein körperlichen Bedingungen seiner Entstehung zu tun. Auch kulturelle Einflüsse sowie die aktuelle psychische Verfassung spielen bei dem Erleben eine wesentliche Rolle. So kann eine positive Grundstimmung, ausgelöst etwa durch die Hoffnung, dass eine Erkrankung zu heilen ist, dazu führen, dass ein Patient den Schmerz leichter erträgt.  

 

Die Individualität des Schmerzerlebens lässt sich mit den Begriffen Schmerzschwelle und Schmerztoleranz gut darstellen. Unter Schmerzschwelle ist jener Punkt zu verstehen, ab dem ein Mensch einen Sinnesreiz als schmerzhaft wahrnimmt. Die Grenze der Schmerztoleranz ist erreicht, wenn der Betroffene den Schmerz nicht mehr aushalten kann.  

Akute vs. chronische Schmerzen

Alle Rezeptoren im Körper des Menschen sind in der Lage, Schmerzreize weiterzuleiten - obwohl dies nicht ihre eigentliche Aufgabe ist. Man unterscheidet akute und chronische Schmerzen.  

 

Akute Schmerzen

Ein akuter Schmerz zeigt an, dass der Betroffene sich in einer Situation befindet, die den Körper auf Dauer schädigen würde - der Schmerz erfüllt also eine Warnfunktion. Bei einem Hitzereiz werden zum Beispiel die Temperaturrezeptoren der Haut angesprochen. Sie erfüllen ihre Funktion in einem Bereich zwischen +10 und + 45 °C. Jenseits davon melden sie - zumindest wenn sie diesen Bedingungen länger ausgesetzt sind - nicht mehr Wärme oder Kälte an das Gehirn, sondern einen Schmerz in unterschiedlicher Intensität, der den Betroffenen warnt und ihm anzeigt, dass etwas nicht stimmt.  

 

Schmerzen warnen den Körper auch, wenn eine Schädigung bereits eingetreten ist. Nach einem Knochenbruch verhindert etwa der starke Schmerz, dass der Betroffene den geschädigten Teil seines Körpers weiterhin bewegt und beugt damit einer zusätzlichen Schädigung vor, die durch eine Belastung der Knochenteile auftreten könnte.  

Chronische Schmerzen

Ganz anders verhält es sich mit den chronischen Schmerzen. Hiervon spricht man, wenn ein Schmerz über mehr als sechs Monate anhält. In dieser Zeit verliert der Schmerz seine Warnfunktion und wandelt sich von einem Symptom zu einer eigenständigen Erkrankung.  

 

Besonders peinigend für die Betroffenen ist eine spezielle Eigenheit des Nervensystems bezüglich der Schmerzen: Anders als gegenüber sonstigen Reizen stellt sich nämlich keine Gewöhnung ein. Schmerzrezeptoren behalten dauerhaft ihre Empfindsamkeit gegenüber Schmerz. Sie bilden sogar ein Schmerzgedächtnis aus - ihre Empfindsamkeit steigt.  

 

Schmerz als Volkskrankheit

In der bisher größten europäischen Schmerzstudie wurden im Jahre 2003 mehr als 46.000 Menschen aus 16 Ländern telefonisch befragt. Es zeigte sich, dass in Deutschland jeder dritte Erwachsene unter chronischen Schmerzen leidet. Frauen sind öfter betroffen als Männer.
Rücken- und Kopfschmerzen sind vor Nerven- und Tumorschmerzen die häufigsten Schmerzerkrankungen. Knapp drei Viertel aller Betroffenen gaben an, erheblich beeinträchtigt zu sein. Sie leiden unter Bewegungseinschränkungen, können ihrem Beruf nicht mehr nachkommen, sind in ihren sozialen Beziehungen behindert oder haben Schlafstörungen.  

Probleme in der Behandlung von chronischen Schmerzen

Die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) stellt fest, dass Patienten mit chronischen Schmerzen in Deutschland oft keine angemessene Therapie erhalten. So dauert es im Durchschnitt mehr als elf Jahre, bis ein Patient mit Rückenschmerzen geeignete Hilfe findet. Bei Migränepatienten dauert die erfolglose Suche sogar durchschnittlich 19 Jahre. Selbst Tumorpatienten, die eigentlich umfassend medizinisch betreut sind, brauchen im Schnitt zwei Jahre, bis sie eine zielführende Schmerztherapie erhalten.  

Die Ursachen liegen laut DGSS auch in der mangelnden Aufmerksamkeit, die dem Schmerz und seiner Therapie in der Ausbildung der Berufe im Gesundheitswesen zukommt. Bislang wurden in Deutschland lediglich 1.000 Schmerzspezialisten ausgebildet. Eine zusätzliche Belastung stellt die Zurückhaltung bei der Verordnung opioider Schmerzmittel dar. Diese sehr wirksamen Arzneimittel stehen im Ruf, Abhängigkeit zu verursachen. Unter angemessener Therapieführung ist die Suchtentwicklung jedoch praktisch ausgeschlossen.  

 

Chronische Schmerzen entziehen sich einer rein medikamentösen Behandlung. Da ihre Entstehung von verschiedenen Faktoren beeinflusst ist, eignet sich eine multiprofessionelle Therapie am besten. Die Betroffenen profitieren von Psychotherapie und - je nach Schmerztypus - auch von Physiotherapie und beispielsweise dem Einsatz von Entspannungstechniken. Besonders wichtig ist es, ein gemeinsames Behandlungskonzept zu entwickeln, das zielgenau auf die jeweils vorliegenden Probleme abgestellt ist. Dabei spielt selbstverständlich auch die Einstellung auf eine geeignete Kombination von Arzneimitteln eine zentrale Rolle.  

Einschätzung von Schmerzen

Für die Einschätzung von Schmerzen wurden zahlreiche Instrumente entwickelt, mit denen Sie das vorliegende Maß der Schmerzen recht genau bestimmen können. Sie sind entsprechend der geistigen Fähigkeiten der Patienten auszuwählen:  

 

  • Für Menschen, die über uneingeschränktes Denkvermögen verfügen, eignet sich die Numerische Rangskala. Damit bestimmt der Patient die Stärke seines Schmerzes zwischen der Stufe „Null“ (keine Schmerzen) und der Stufe „Zehn“ (Stärkste vorstellbare Schmerzen).

 

  • Patienten mit geringerer Abstraktionsfähigkeit, etwa Patienten mit Demenzerkrankungen oder Kinder ab vier Jahren, verwenden die „Faces Pain Scale“, bei der sechs schematisch gezeichnete Gesichter verschiedene Schmerzstärken repräsentieren.

Unterstützung bei der Schmerzbewältigung

Die Schmerzbehandlung erfordert eine fortlaufende Kontrolle, die im Grunde nur der Patient selbst leisten kann. Medizinische Fachangestellte unterstützen ihre Patienten, indem sie ihnen beispielsweise die Führung eines Schmerztagebuches erläutern und sie zur regelmäßigen Anwendung aller Behandlungsmaßnahmen motivieren. Für das Tagebuch sind vorgefertigte Formulare erhältlich (etwa von Pharmaunternehmen). Es genügt aber auch, formlos aufzuschreiben, zu welchen Tageszeiten der Schmerz auftritt oder sich verstärkt und welche Maßnahmen dann zu einer Linderung führen. Durch die Auswertung dieser Aufzeichnungen lässt sich die Therapie noch genauer abstimmen. Als Grundregel gilt: Die Behandlung setzt ein, bevor der Schmerz sein stärkstes Ausmaß erreicht. Es geht darum, die Schmerzspitzen zu kappen und durchgängig ein möglichst umfassendes Wohlbefinden zu erreichen.  

Quelle: Ausgabe 11 / 2010 | Seite 6 | ID 139613