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27.05.2010 | Praxisorganisation

Notfälle in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Medizinische Notfälle sind einschneidende Ereignisse - sowohl für die betroffenen Patienten als auch für die anwesenden Helfer. Häufig besteht akute Lebensgefahr. Sie erfordert rasches und kompetentes Handeln. Dadurch geraten auch medizinisch ausgebildete Menschen unter extremen Stress. Dies gilt nicht nur für MFA, sondern auch für Ärzte, sofern sie nicht regelmäßig mit der Bewältigung von Notfällen befasst sind. „Praxisteam professionell“ gibt Ihnen im folgenden Beitrag praktische Hinweise und zwei umfangreiche Checklisten an die Hand, die Ihnen bei der Organisation des Notfallmanagements in Ihrer Praxis helfen werden.  

Notfallmanagement installieren

Die beste Strategie, um fachlich korrekt und effektiv mit Notfallsituationen umgehen zu können, besteht darin, ein Notfallmanagement zu installieren, das exakt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Praxis zugeschnitten ist. Im Falle eines Falles müssen alle Mitarbeiter ihre Aufgaben genau kennen und zügig angehen. Außerdem muss das erforderliche Material griffbereit und funktionstüchtig sein.  

Bestandteile der Notfallausrüstung

Die Notfallausrüstung einer Arztpraxis (ausgenommen sind Einrichtungen für ambulante Operationen, weil hier andere Regeln gelten) besteht idealerweise aus einem Notfallkoffer, in dem sowohl Materialien als auch Arzneimittel übersichtlich untergebracht sind. Dieser Koffer sollte an einer Stelle der Praxis angebracht sein, die während des Alltagsbetriebs schnell erreichbar ist, ohne die nicht beteiligten Patienten in Aufregung zu versetzen.  

 

Es ist nicht möglich, allgemein gültige Regeln für die Bestückung eines solchen Notfallkoffers aufzustellen, da die Zahl möglicher Notfälle in den verschiedenen medizinischen Disziplinen sehr groß ist und aufgrund der Variationsbreite denkbarer Ursachen ganz unterschiedliche Arzneimittel zum Einsatz kommen müssen. Trotzdem lassen sich - wie in der folgenden Tabelle dargestellt - einige grundlegende Bestandteile der Ausrüstung nennen. Sie sind im Einzelfall den jeweilig geltenden Anforderungen anzupassen.  

 

Beachten Sie: Neben dem Koffer sollten sich ein Reanimationsbrett sowie ein Infusionsständer befinden. Bei Bedarf können reanimationspflichtige Patienten auch auf den Fußboden gelagert werden. Dies bietet den Vorteil, an jedem beliebigen Ort der Praxis mit der Notfallversorgung beginnen zu können, weil der Transport des Betroffenen zu einer Liege entfällt.  

 

Checkliste „Inhalt des Notfallkoffers“

Medizinprodukte für den Notfall  

  • Einmalhandschuhe (vorzugsweise aus hypoallergenem Nitril)
  • Haut- und Schleimhautdesinfektionsmittel (z.B. Octenidin)
  • Verbandschere (unsteril)
  • Sterile Pflaster; Binden; Kompressen
  • Blutzuckermessgerät mit entsprechenden Teststreifen; Lanzetten
  • RR-Manometer mit Manschetten verschiedener Größen
  • Stethoskop
  • Stauschlauch
  • Sterile Spritzen und Kanülen verschiedener Größen
  • Sterile Venenverweilkanülen verschiedener Größe samt Fertigverbänden, evtl. zentrale Venenkatheter
  • Nadeln für den intraössären Zugang (in den Knochen)
  • Sterile Infusionssysteme samt Dreiwegehähnen
  • Sauerstoffflasche samt System, Masken verschiedener Größe zur Sauerstoffinsufflation, Nasensonden
  • Handbeatmungsbeutel mit Ventilen und Sauerstoffschlauch, Gesichtsmasken verschiedener Größen
  • Guedel- und Wendel-Tuben verschiedener Größe
  • Laryngoskop mit Spateln verschiedener Größen, Batterien
  • Trachealtuben verschiedener Größen (von jeder Größe mindestens zwei Exemplare)
  • Mandrins für Trachealtuben
  • Absauggerät mit sterilen Kathetern verschiedener Größe
  • Defibrillator, EKG-Elektroden
  • Dokumentationsbögen; Kugelschreiber

Notfall-Medikamente (Grundausstattung)  

  • Adrenalin
  • Atropin
  • Amiodaron
  • Lidocain
  • Vasopressin
  • Magnesiumsulfat
  • Theophyllin
  • Dopamin
  • Dobutamin
  • Midazolam
  • Prednisolon
  • Nifedipin-Kapseln
  • Glyceroltrinitrat-Spray
  • Mind. 500 ml Ringer-Lösung (ggf. zusätzlich NaCl 0,9 % in 500-ml- sowie 50-ml-Flaschen)
  • Glucoselösungen verschiedener Konzentration
  • Natriumbikarbonat-Lösung 8,4 %
 

Notfallausrüstung instand halten

Die Notfallausrüstung kann nur einsatzbereit sein, wenn man sie regelmäßig überprüft. Dazu ist es sinnvoll, eine Verantwortliche im Praxisteam zu benennen. Diese Mitarbeiterin kontrolliert die Ausrüstung mindestens einmal im Monat (in Sonderfällen auch häufiger). Dabei achtet sie insbesondere auf die Mindesthaltbarkeitsdaten der Arzneimittel sowie der steril verpackten Materialien. Es ist empfohlen, Bestandteile der Ausrüstung auszutauschen, wenn sie sich dem jeweils aufgedruckten Datum nähern, weil die Herstellergarantie genau zu diesem Zeitpunkt erlischt.  

 

Beachten Sie: Vor allem die Funktionstüchtigkeit der Batterien für das Laryngoskop ist regelmäßig zu kontrollieren.  

 

Die Überprüfungen sind auf einem geeigneten Formular zu dokumentieren. Darin trägt die dafür zuständige MFA jeweils das Datum sowie die ausgetauschten Gegenstände detailliert ein. Auf diese Weise lässt sich der aktuelle Zustand der Ausrüstung jederzeit exakt nachvollziehen. Wurde die Ausrüstung verwendet, sind anschließend ebenfalls eine umfassende Kontrolle sowie der Ersatz der verbrauchten Materialien erforderlich.  

 

Notfallausrüstung intern kontrollieren

Es ist besser, die Kontrolle der Notfallausrüstung durch ein Mitglied des Praxisteams ausführen zu lassen, als diese Aufgabe nach extern (zum Beispiel an eine Apotheke) zu vergeben. Die regelmäßige Beschäftigung mit dem Notfallkoffer schärft das Bewusstsein dafür, dass sich kritische Ereignisse in der Praxis jederzeit ereignen können.  

 

 

Notfallkoffer, die Arzneimittel enthalten, sind so zu lagern, dass eine übermäßige Erwärmung ausgeschlossen ist, wie sie zum Beispiel durch Sonneneinstrahlung hervorgerufen werden kann. Einige Notfallmedikamente, zum Beispiel das synthetische Hormon Adrenalin, sind temperaturempfindlich.  

Notfallplan ausarbeiten

Die beste Notfallausrüstung bleibt aber nutzlos, wenn das Praxisteam nicht in der Lage ist, sie sinnvoll einzusetzen. Deshalb beginnt ein zielorientiertes Notfallmanagement lange, bevor sich die erste kritische Situation ereignet. In der Notfallmedizin gilt: „Übung macht den Meister“. Unter Übung ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht nur das regelmäßige Erleben echter Notfälle zu verstehen. Bereits die intensive theoretische Beschäftigung mit kritischen Situationen kann zu einer Beschleunigung der Zusammenarbeit aller Helfer führen, weil sich auf diese Weise Handlungsabläufe automatisieren lassen.  

 

Wenn die MFA X weiß, dass sie beim Eintreten eines Notfalls die Aufgabe hat, den Koffer zu holen, ihn zu öffnen und dann auf Anweisung alle notwendigen Materialien anzureichen, wird sie im Ernstfall genau diese Position übernehmen. Damit ist das Risiko eliminiert, dass mehrere Personen gleichzeitig dieselbe Tätigkeit ausführen wollen und in der Aufregung notwendige Handlungen unterbleiben.  

 

Der Notfallplan kann in Form einer Checkliste angelegt sein. Ein Beispiel (es ist für die jeweilige Ausrichtung der Arztpraxis zu modifizieren) zeigt die folgende Tabelle.  

 

Checkliste Notfallplan (nach einer Empfehlung der KV Hessen)

DIE NOTFALLAUSRÜSTUNG BEFINDET SICH ………………… (Ort eintragen) SOBALD SICH EIN NOTFALL EREIGNET, IST DR. .......... SOFORT ZU VERSTÄNDIGEN  

Patient ist bewusstlos  

  • Atmung und Herztätigkeit überprüfen
  • Wenn vorhanden:
  • Betroffenen in stabile Seitenlage bringen
  • Kopf überstrecken
  • Ggf. Guedel- oder Wendeltubus einlegen
  • Notruf absetzen
  • Ansonsten: je nach Krankheitsbild vorgehen
  • Wenn nicht vorhanden:
  • Patienten in Rückenlage bringen
  • Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen (Richtlinien zur kardiopulmonalen Reanimation beachten)
  • Notruf absetzen

Patient ist nicht bewusstlos  

  • Angemessene Lagerung herstellen
  • Betroffenen nicht allein lassen
  • Angemessene medikamentöse Maßnahmen ergreifen
  • Notruf absetzen

Notruf absetzen
(entweder Telefon 112 oder nach Anordnung des Arztes)
 

  • Diese Angaben sind erforderlich:
  • Diagnose und Befinden des Patienten
  • Ggf. durchgeführte Maßnahmen
  • Adresse und Art der Praxis inkl. Telefonnummer

Dokumente vorbereiten  

  • Akte des Patienten überprüfen; ggf. letzten Arztbrief, letzte Laborwerte, letzte Untersuchungsbefunde kopieren oder ausdrucken
  • Einweisungsschein vorbereiten
  • Aktuelle Medikation aufschreiben
  • Vordiagnosen und aktuelle Verdachtsdiagnose notieren

Unbeteiligte Patienten
informieren
 

  • Beruhigend wirken
  • Praxisbetrieb (sofern möglich) aufrecht erhalten
  • Ggf. neue Termine vereinbaren und Patienten nach Hause schicken

Rettungsteam unterstützen  

  • Rettungsteam in Empfang nehmen und zum Betroffenen führen
  • Ggf. zur Assistenz bereit stehen

Angehörige informieren (ärztliche Aufgabe)  

  • Angemessene Aufklärung über die Ereignisse
  • Adresse/Telefonnummer des weiterbehandelnden Krankenhauses mitteilen

Ggf. Eigentum des
Patienten verwahren
 

  • Inventarliste anlegen (immer zu zweit)
  • Wertsachen sicher verschließen, etwa im Praxis-Safe
 

Notfall-Schulungen besuchen

Es ist für MFA empfehlenswert, mindestens einmal pro Jahr Schulungen zur Ersten Hilfe oder zum Notfallmanagement zu besuchen. Entsprechende Kurse bieten zum Beispiel Wohlfahrtsverbände (etwa Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter) oder Krankenhäuser an. Der Umfang ist variabel und reicht von einigen Stunden am Nachmittag bis zu Tages- oder Wochenendkursen.  

 

Quelle: Ausgabe 06 / 2010 | Seite 14 | ID 135969