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29.04.2009 | Patientenkommunikation

Umgang mit Angst und angstbedingter Aggression in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Fast alle Patienten, die in eine Arztpraxis kommen, haben Ängste - auch wenn diese keineswegs so stark sein müssen, dass die Handlungsfähigkeit der Betroffenen eingeschränkt wäre. Laut einer Langzeitstudie der R+V Versicherung fürchtet sich jeder zweite Patient vor einer schweren Erkrankung - und befindet sich deshalb möglicherweise während eines Arztbesuches unter besonderem Druck. Aufgrund dieser Umstände entstehen in Arztpraxen immer wieder Konflikte. „Praxisteam professionell“ zeigt Ihnen, wie Sie als Medizinische Fachangestellte (MFA) am besten mit den Ängsten Ihrer Patienten umgehen.  

Abgrenzung: Angst und Angststörung

Ängste können sich auf unterschiedliche Weise äußern und zu Missverständnissen und Konflikten führen. Sie sind jedoch von (krankhaften) Angststörungen zu unterscheiden, die einen andauernden Kontrollverlust oder eine Handlungsunfähigkeit erzeugen. Nach Schätzungen der Berufsverbände von Neurologen und Psychiatern leiden mehr als zehn Prozent der Bundesbürger unter Angststörungen, deren Maß eine Behandlung erfordert.  

 

Die Störungen umfassen ein weites Spektrum krankhafter Ängste: Ihre exakte Klassifizierung gestaltet sich schwierig, weil die Ursachen noch immer ungeklärt sind. „Praxisteam professionell“ stellt Ihnen unter www.iww.de im Online-Service „myIWW“ in der Rubrik „Online-Beiträge“ die drei häufigsten Angststörungen ausführlich vor. Wie Sie zu unserem Online-Service gelangen, lesen Sie auf der vorderen Umschlaginnenseite dieser Ausgabe.  

Erste Hilfe für Patienten mit Angst

Die Behandlung von Ängsten gelingt nur in einem langfristigen Prozess und gehört ausnahmslos in die fachkundigen Hände entsprechend qualifizierter Therapeuten. Da sich aber sowohl krankhafte als auch „normale“ Ängste häufig im Praxisalltag zeigen, hat „Praxisteam professionell“ für Sie einige Ratschläge zusammengestellt, mit deren Hilfe Sie Patienten im Akutfall beruhigen können.  

 

  • Bewahren Sie Ruhe, sprechen Sie mit ausgeglichener Stimme und in gemäßigter Lautstärke mit dem ängstlichen Patienten.
  • Schaffen Sie eine geschützte Atmosphäre - am besten, indem Sie den Patienten in einen Raum begleiten, in dem sich keine anderen Menschen befinden und lassen Sie ihn nicht allein.
  • Bieten Sie dem Patienten an, sich hinzulegen. Lockern Sie beengende Kleidungsstücke.
  • Argumentieren Sie keinesfalls über die Inhalte der Angst. Der Patient ist während einer Situation, in der er sich massiv bedroht fühlt, nicht in der Lage, seine Gefühle mit intellektuellen Mitteln zu beherrschen. Kommentieren Sie die Angstinhalte nicht. Vermeiden Sie unbedingt Phrasen (zum Beispiel: Das wird schon wieder!).
  • Sofern der Patient es zulässt: Nehmen Sie Körperkontakt auf. Es genügt bereits, die Hand des Betroffenen mit beiden Händen in einem eindeutigen Griff zu umschließen.
  • Bitten Sie den Patienten, ruhig zu atmen und sich ganz auf den Vorgang der Atmung zu konzentrieren. Es kann nützlich sein, dabei die Augen zu schließen. Bitten Sie den Patienten, seinen Atemrhythmus dem Ihren anzugleichen. Das ist am leichtesten möglich, indem Sie sich hinter ihn stellen und seinen Brustkorb mit den flächig aufgelegten Händen von der Seite her umgreifen und dann in Ihrem eigenen Rhythmus Ein- und Ausatmung ansagen.
  • Bieten Sie dem Patienten gegebenenfalls Wasser zum Trinken an.
  • Bitten Sie den Patienten, sich auf seine realen Wahrnehmungen (Riechen, Hören, Schmecken, Sehen, Fühlen) zu konzentrieren.
  • Wenn Sie bemerken, dass die Angstattacke nachlässt: Bieten Sie dem Patienten an, über seine Empfindungen zu sprechen. Kommentieren Sie ungereimte Aussagen nicht, sondern richten Sie Ihre Fragen auf Lücken in der Darstellung und geben Sie deutliche Signale, dass Sie das Gesagte verstanden haben.

Umgang mit angstbedingter Aggression

Auch Ängste, die nicht den Grad einer Krankheit erreichen, können für Momente so stark werden, dass ein Mensch seiner Fähigkeit zum geregelten sozialen Umgang beraubt ist. Nicht selten äußert sich das übermächtige Gefühl in Aggressionen, die dann ungerichtet aus dem Betroffenen herausbrechen und auch gegen zufällig Anwesende, besonders aber gegen Funktionsträger (wie Sie es als MFA sind) gerichtet sein können. In diesen Situationen ist absolute Professionalität nötig.  

 

Sie sollten im Umgang mit angstgeplagten Patienten, auch wenn es schwer fällt, Gleichmut bewahren. Die Aggression ist in diesem Fall lediglich ein Ausdruck des inneren Kampfes, dem ein Patient sich ausgesetzt sieht. Die Fehlgriffe in der Wortwahl oder dem Verhalten fallen nicht selten sehr verletzend aus, sind aber lediglich der Ausdruck absoluter Hilflosigkeit. Mit einer spontanen Reaktion, die den Ausfall des Patienten auf derselben Ebene beantwortet, verstärken Sie unter Umständen das Gefühl des Ausgeliefertseins und damit direkt die Aggressionen.  

 

Die folgenden Techniken eignen sich zur Beruhigung einer gespannten Atmosphäre:  

 

Techniken zur Beruhigung einer gespannten Atmosphäre

  • Reagieren Sie nicht unmittelbar auf verbale Entgleisungen der Patienten, die unter Angst leiden. Nehmen Sie sich zurück, atmen Sie zunächst einige Male bewusst ein und aus. Finden Sie eine Distanz zu dem aktuellen Vorfall, indem Sie sich zum Beispiel die Krankengeschichte Ihres Gegenübers vergegenwärtigen. Ziehen Sie sich auf die Position eines professionellen Gesprächspartners zurück. Versuchen Sie, persönliche Gefühle ganz deutlich von den aktuellen Erfordernissen der Kommunikation zu trennen. Bewahren Sie eine zugewandte innere Haltung.
  • Überprüfen Sie Ihre Position im Raum und zum Patienten. Wenn er sitzt, setzen Sie sich ebenfalls, wenn er steht, stellen Sie sich ebenfalls hin. Es geht darum, auf annähernd gleicher Augenhöhe zu sein, um ein physisches Gleichgewicht herzustellen.
  • Sofern möglich sollten Sie das Gespräch in einen geschützten Raum verlagern, in dem der Patient sich nicht öffentlich bloßstellen kann. Auch dieser Ortswechsel kann als eine Pause in der Konfrontation dienen, in der sich die Emotionen abkühlen.
  • Sprechen Sie mit fester, sachlicher Stimme und kontrollieren Sie Ihre Lautstärke. Schauen Sie Ihr Gegenüber an, drehen Sie ihm niemals den Rücken zu - dies vermittelt Missachtung.
  • Führen Sie das Gespräch auf das Thema zurück, um das es vor dem Aggressionsausbruch ging.
  • Machen Sie bei anhaltender verbaler Aggression Ihre Grenzen ganz deutlich, ohne gleichzeitig Ihr Gegenüber anzugreifen. Also nicht: „Schreien Sie mich nicht so an!“, sondern: „Könnten Sie bitte leiser sprechen?“ Alle Appelle an Ihr Gegenüber sollten einen Einladungscharakter haben.
  • Nach dem Abklingen der Aggressionen geben Sie dem Gefühl, dem Patienten etwas „zurückzahlen“ zu wollen, nicht nach. Meistens tritt ohnehin heftige Scham ein, die der Betroffene jedoch häufig nicht angemessen ausdrücken kann. Bleiben Sie zugewandt und verständnisvoll. Geben Sie dem Gespräch einen versöhnlichen Abschluss.
  • Wenn Sie befürchten, dass der Patient körperliche Gewalt anwendet, rufen Sie mindestens eine weitere Person dazu. Es ist dabei aber unbedingt zu vermeiden, dass der Patient von mehreren Personen gleichzeitig angesprochen wird. Dies würde seine Angst eventuell verstärken und kann zu weiteren unkontrollierten Reaktionen führen.
  • Wenn die Situation in handfeste Gewalt zu eskalieren droht, alarmieren Sie umgehend die Polizei. Bringen Sie einen Sicherheitsabstand zwischen sich und den Patienten und achten Sie unbedingt auf eine zahlenmäßige Überlegenheit der Teammitglieder in seiner Anwesenheit. Der Anruf bei der Polizei sollte außerhalb des Wahrnehmungsfeldes des Betroffenen stattfinden.
  • Achten Sie unbedingt darauf, dass keine anderen Patienten anwesend sind, wenn es zu Gewalttätigkeiten kommt. Bitten Sie sie zu ihrem eigenen Schutz frühzeitig in ein anderes Zimmer. Nach Beendigung der aggressiven Situation ist es notwendig, den Nichtbeteiligten die Umstände zu erklären, ohne dabei die Regeln der Schweigepflicht bzw. die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen zu verletzen.
 

 

Quelle: Ausgabe 05 / 2009 | Seite 18 | ID 126346