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26.02.2010 | Patientenkommunikation

Suizidgefährdete Patienten in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Das Praxisteam kommt regelmäßig mit Menschen in Kontakt, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen wollen. Sie sehen sich aufgrund einer psychischen Krankheit oder im Zuge starker Belastungen (zum Beispiel finanzielle Schwierigkeiten, emotionale Ausnahmezustände, mangelhafte Bearbeitung von Lebenskrisen) aller Lösungsmöglichkeiten beraubt. Doch vor dem Entschluss eines Menschen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, sucht der Betroffene durchaus den Kontakt zu potenziellen Helfern - auch zu Praxen niedergelassener Ärzte.  

Suizide und Suizidversuche sind kein seltenes Phänomen

Laut Todesfallstatistik des Statistischen Bundesamtes nimmt die Zahl der Suizide in Deutschland einen Anteil von etwa 1,1 Prozent an allen Todesfällen ein, deren Zahl 2008 bei etwa 844.000 lag. Im Jahr 2008 haben sich demnach deutschlandweit etwa 10.000 Menschen getötet, zwei Drittel von ihnen waren Männer.  

 

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass nur etwa jeder zehnte Suizidversuch tatsächlich zu einem Todesfall führt - das heißt, das Phänomen ist insgesamt nicht so selten, wie es die Zahlen des Statistischen Bundesamtes suggerieren. In diesem Zusammenhang sollten Sie auch bedenken, dass der Faktor 10 für das Verhältnis zwischen Suizidversuchen und vollendeten Selbsttötungen lediglich auf Schätzungen beruht. Deshalb kann man davon ausgehen, dass noch mehr Menschen einen Suizid zumindest als Handlungsoption in Erwägung ziehen.  

 

Selbstmord, Selbsttötung oder Suizid?

Im Zusammenhang mit suizidalen Handlungen ist das oft verwendete Wort „Selbstmord“ fehl am Platz. Es vermittelt eine Wertung, weil mit dem Begriff „Mord“ aus juristischer Sicht die Tötung eines Menschen aus niedrigen Beweggründen und in verwerflicher Weise gemeint ist. Mit einer solchen Bezeichnung würde man sich in unzulässiger Weise über das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen erheben. Deshalb ist es angemessen, von „Selbsttötung“ oder „Suizid“ zu sprechen.  

Risikofaktoren

Suizidalität ist das Ergebnis eines individuellen Prozesses, in dessen Verlauf ein Mensch bei der Bewältigung eines als bedeutend erachteten Problems scheitert. Diese allgemeine Definition zeigt an, dass es nicht ratsam ist, Personen allein aufgrund äußerer Bedingungen in eine Risikogruppe einzuordnen. Trotzdem können bestimmte Lebensbedingungen - immer zusammen mit dem unmittelbaren Eindruck, den jemand vermittelt - Hinweise auf eine möglicherweise erhöhte Suizidneigung geben. Dazu gehören:  

 

  • Soziale Faktoren, etwa Mangel familiärer Bindungen (zum Beispiel bei Singles, Verwitweten, Geschiedenen), Arbeitslosigkeit, angespannte finanzielle Verhältnisse, Beziehungskonflikte, Verlust von Bezugspersonen, Konflikte in Ausbildung und Beruf, Verlust der Heimat (zum Beispiel Asylbewerber), Vorbilder (zum Beispiel Suizide im Bekanntenkreis oder der eigenen Familie).

 

  • Altersgebundene Faktoren, etwa der Wechsel in einen anderen Lebensabschnitt (zum Beispiel während der Pubertät, Berentung).

 

  • Krankheitsgebundene Faktoren, etwa Auftreten psychiatrischer Erkrankungen (zum Beispiel Schizophrenie, Depression, Manie, Abhängigkeit), Konfrontation mit einem als aussichtslos erscheinenden Verlauf einer chronischen Erkrankung.

 

  • Persönlichkeitsgebundene Faktoren, etwa ungeklärte Sinnfragen, Unzufriedenheit, Enttäuschungen, unbefriedigte Erwartungen.

 

Die wichtigsten Risikofaktoren für suizidale Handlungen

  • Depression (Näheres in Ausgabe 1/2010)
  • Schizophrenie (Näheres in Ausgabe 10/2008)
  • Suchterkrankungen (Näheres in Ausgabe 9/2008)
  • Störungen der Persönlichkeit (Näheres in Ausgabe 10/2009)
  • Schwere chronische Erkrankungen

Entwicklung der Suizidalität

Meist geht dem Wunsch, das eigene Leben zu einem selbst gewählten Zeitpunkt zu beenden, ein längerer Prozess der Abwägung voraus, der sich durchaus auch in äußeren Zeichen manifestieren kann. Es lassen sich drei Stufen der Entwicklung von der abstrakten Suizidabsicht bis zur Ausführung unterscheiden.  

 

  • Erwägung: Der Betroffene ist noch in der Lage, seine Handlungen in vollem Umfang zu steuern. Er befindet sich im Widerstreit mit Aggressionen, die sich nicht nach außen wenden, sondern gegen die eigene Person gerichtet sind. In dieser Phase können entsprechende Anstöße von außen (zum Beispiel Berichte über Suizide) eine entscheidende Motivation sein.

 

  • Unentschlossenheit: In dieser Phase ist der natürliche Trieb zur Selbsterhaltung bereits eingeschränkt. Der Betroffene betrachtet den Suizid tatsächlich als eine mögliche Form der Konfliktlösung. Die individuellen Steuerungsmechanismen sind bereits eingeschränkt. Hilferufe in Form von Suizidankündigungen oder eine deutliche Äußerung von Todessehnsucht sind nicht ungewöhnlich.

 

  • Entscheidung: Der Betroffene distanziert sich von den Bedingungen seines Lebens und betrachtet sie nur noch als vorübergehende Erscheinungen. Oft wirken die Betroffenen, als ob sie die Probleme der vorangehenden Phasen zufrieden stellend gelöst hätten. Sie erwähnen die Absicht der Selbsttötung nicht mehr. In diesem Zeitraum ist es besonders wichtig, Gesprächsangebote zu unterbreiten und das Thema Suizid direkt anzusprechen.

Zeichen suizidaler Absichten erkennen

Vor allem unter den Bedingungen eines lockeren Kontaktes, wie er zwischen Patienten und den Teams ärztlicher Praxen üblich ist, gelingt es nicht leicht, ernsthafte suizidale Absichten eines Patienten zu erkennen. Dies gilt umso mehr, wenn sich die Kommunikation auf die üblichen Floskeln unter lose miteinander bekannten Menschen beschränkt. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Sie sich - trotz der hohen Arbeitsbelastung im Alltag - den Patienten, die aus den zuvor genannten Gründen zu einer der Risikogruppen gehören, intensiver zuwenden. Dann können Sie möglicherweise folgende Warnsignale wahrnehmen:  

 

  • Wechsel von übergroßer Verzweiflung zu unerklärlicher Ruhe
  • Berichte über das Verfassen eines Testaments
  • Angebote, persönliches Eigentum zu übernehmen
  • Konkrete Angaben über mögliche Wege, sich zu suizidieren
  • Aussagen über die Sinnlosigkeit des Lebens
  • Berichte über Suizidimpulse oder Stimmen, die einen Suizid nahe legen (insbesondere bei Menschen, die unter einer psychischen Krankheit leiden)

Da Sie für Patienten die Funktion von Ansprechpartnern - auch in problematischen Lebenssituationen - einnehmen, ist es unbedingt erforderlich, dass Sie auf entsprechende Signale adäquat und lösungsorientiert reagieren. Zu Ihren Handlungsoptionen gehören:  

 

Umgang mit erkannter Suizidalität

  • Direkte Ansprache des Patienten auf Suizidabsichten
  • Unmittelbare Information des Arztes
  • Gesprächsbereitschaft signalisieren (wirkt entlastend für den Betroffenen)
  • Kontinuität des Kontaktes sicherstellen (zum Beispiel durch Vereinbarung eines weiteren Besuchstermins)
  • Vermeidung von Floskeln oder abwertenden Formulierungen (keine Schuldzuweisungen wie „Das können Sie Ihrer Familie nicht antun!“)

Beachten Sie: Da frühere suizidale Handlungen als ein wichtiger Hinweis für einen erneuten Suizidversuch gelten, ist bei Patienten, die bereits einen Selbsttötungsversuch unternommen haben, besondere Vorsicht geboten. Etwa die Hälfte aller Menschen mit Suizidabsichten wiederholt einen Versuch der Selbsttötung innerhalb eines Jahres.  

 

Quelle: Ausgabe 03 / 2010 | Seite 18 | ID 133843