26.01.2009 | Patientenkommunikation
Patienten aus anderen Kulturen: Steigern Sie Ihre interkulturelle Kompetenz
von Mihrican Özdem, Diplompsychologin, Landau
Zum Praxisalltag gehört auch der Umgang mit Patienten, die einer fremden Kultur angehören. Die Verständigung mit ihnen wird umso erfolgreicher sein, je mehr Sie über interkulturelle Kompetenz verfügen. In dem folgenden Beitrag erfahren Sie, worauf es dabei ankommt.
Interkulturelle Kommunikation und Kompetenz
Interkulturelle Kommunikation bedeutet die Interaktion von Menschen verschiedener Kulturen: Wenn Sie zum Beispiel als Deutsche mit einem pakistanischen Patienten sprechen, so findet eine interkulturelle Kommunikation statt. Unter interkultureller Kompetenz versteht man die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturen unvoreingenommen umgehen zu können, aber auch Unsicherheiten in interkulturellen Situationen zuzulassen und sich weiterhin in diese zu begeben.
Positive Einstellung zur kulturellen Vielfalt
Eine wichtige Voraussetzung für interkulturelle Kompetenz ist, dass man kulturelle Vielfalt als etwas Positives erachtet und nicht als etwas Bedrohliches oder Negatives. Es ist das neugierige Blicken über den Tellerrand hinaus. Wie gehen andere Kulturen zum Beispiel mit Konflikten um? Was verstehen sie unter Gastfreundschaft? Wie feiern sie Feste?
Geistige Flexibilität
Die Offenheit für andere Kulturen beinhaltet das Wissen darum, dass die eigenen Normen nicht allgemeingültig sind, dass es neben den eigenen Einstellungen und Haltungen noch andere gibt. Jemand mit hoher interkultureller Kompetenz sagt nicht „x ist so“, sondern „x kann so oder auch so gesehen werden“.
Offen zu sein für fremde Ansichten und Gewohnheiten zeigt an, dass man auch geistig flexibel ist. Wer nur die eigenen Einstellungen gelten lässt und wer sich nicht vorstellen kann, dass Dinge anders betrachtet werden können, ist eben auf nur diese wenigen Einstellungen „begrenzt“. Im Extremfall wird diese Person auch Schwierigkeiten mit Menschen aus der eigenen Kultur haben.
Respekt gegenüber andere Kulturen
Offenheit für andere Kulturen beinhaltet ebenso Respekt: die Sichtweise des anderen ernst nehmen, diese für sich prüfen, vielleicht übernehmen oder auch nicht. Respekt bedeutet, den anderen nicht ändern zu wollen, ihn so sein lassen zu können. Das betrifft Ansichten, Verhaltensweisen oder ganz alltägliche Dinge wie Kleidung. Ein Satz wie „Wie ist der denn angezogen?“ zeugt von fehlendem Respekt.
Interkulturelle Kompetenz bedeutet allerdings nicht, über die eigenen kulturellen Gewohnheiten hinwegzusehen. Angenommen Sie machen Urlaub in einem Land, in dem das Spucken auf den Boden normal ist und in Ihrer Kultur als unanständig gilt. Sie sind nun nicht interkulturell kompetent, wenn Sie versuchen, dieses Verhalten nicht mehr als unangenehm zu empfinden. Es geht vielmehr darum, den anderen als Person nicht zu missachten, ihm die eigene Gewohnheit nicht aufdrängen zu wollen.
Interkulturelle Kompetenz durch lebenslanges Lernen
Interkulturelle Kompetenz erwirbt man vor allem durch den stetigen Kontakt, oft beiläufig über Kollegen, Freunde oder Partner. Man erwirbt sie auch gezielt über das Aneignen von Wissen über die Kultur durch Bücher, Fernsehbeiträge etc. Ein Manager, der beruflich nach Indien geschickt wird, kann sich als Vorbereitung über das Land und seine Einwohner informieren. Was aber tun Sie als Medizinische Fachangestellte (MFA), wenn Sie in der Praxis mit japanischen, arabischen, türkischen oder italienischen Patienten zu tun haben? Sie werden sich nicht Wissen über alle Kulturen aneignen können. Darauf kommt es aber auch nicht an. Wichtiger als das Anhäufen von Wissen ist die grundsätzlich offene und flexible Haltung.
Beachten Sie: Mit jeder persönlichen Erfahrung im Umgang mit dem Anderen und mit jedem Lernen von kulturellem Wissen wächst Ihre interkulturelle Kompetenz. Interkulturelle Kompetenz zu lernen ist also lebenslanges Lernen, nicht Lernen innerhalb einer bestimmten Zeit, nach der man irgendwann „fertig“ ist.
Sprachen lernen
Sprachen zu lernen, verbessert ohne Zweifel die interkulturelle Kommunikation und kann damit auch die interkulturelle Kompetenz erhöhen. Man kann aber auch etliche Sprachen sprechen, jedoch aufgrund einer überheblichen Haltung keineswegs interkulturell kompetent sein. Auch hier gilt: Offenheit und Respekt sind wichtiger.
Dennoch: Wenn Sie Freude am Erlernen von neuen Sprachen haben und es Ihnen nicht schwer fällt, könnten Sie durchaus die Fremdsprache lernen, die in Ihrer Praxis häufig gebraucht wird, oder sich wichtige medizinische Ausdrücke in einigen Sprachen aneignen. Das bringt Sie nicht nur in der Kommunikation mit dem Patienten weiter, Sie erwecken auch viel Vertrauen in ihm. Achten Sie aber darauf, nicht ohne Not mit Ihrem Persisch zu brillieren: Bei der Patientin mit persischem Namen könnte es sich um eine Germanistik-Professorin handeln, die Ihre Bemühungen eher niedlich finden wird.
Praxistipp: Es ist in jedem Fall ratsam, in der Praxis Wörterbücher in den Sprachen zu haben, die die meisten Patienten mit nichtdeutschem Hintergrund sprechen. So können Sie unnötige Missverständnisse ausräumen (lesen Sie dazu zum Beispiel in Ausgabe 12/2008 zum Türkisch-Deutschen Wörterbuch für Gesundheitsberufe).
Beachten Sie: Es kommt oft vor, dass ein Patient sein Kind, das deutsch beherrscht, mit in die Praxis nimmt und es übersetzen lässt. Sensibilisieren Sie sich im Team dafür, dass einem Kind damit Verantwortung aufgebürdet wird, die es gar nicht tragen kann. Es gerät in die Erwachsenenrolle, was psychologisch sehr abträglich ist. Sprechen Sie über Möglichkeiten in Ihrer Praxis, etwa einen Dolmetscher heranzuziehen.
Interkulturelle Trainings
Wenn Sie in einer Praxis arbeiten, in der der Anteil von fremdländischen Patienten sehr hoch ist, wird ein Seminar in interkultureller Kompetenz als berufliche Fortbildung sicher lohnenswert sein. Derzeit werden zahlreiche interkulturelle Trainings angeboten, u.a. von den Ärztekammern und den Kassenärztlichen Vereinigungen. Unabhängig von beruflicher Notwendigkeit: Interkulturelle Kompetenz ist Persönlichkeitsentwicklung - schon deshalb ist ein solches Training empfehlenswert.
Beachten Sie: Auch Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund, die übersetzen oder mit ihrem kulturellen Wissen an sich behilflich sein können, kennen nicht immer und automatisch alle Gepflogenheiten ihrer Kultur und sprechen ihre Muttersprache nicht immer so gut, dass sie übersetzen könnten. Erwarten Sie also nicht wie selbstverständlich solche Kompetenzen! Es kann aber auch sein, dass die Mitarbeiterin die Kompetenzen hat, aber diese Rollen gar nicht erfüllen will, was ihr gutes Recht ist.
Checkliste interkulturelle Kompetenz
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