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02.10.2008 | Patientenkommunikation

Der psychotische Patient in der Arztpraxis

von Bernd Hein, Fachjournalist Gesundheitswesen, München

Schätzungen zufolge leidet knapp ein Viertel aller Patienten in allgemeinärztlichen Praxen an einer psychischen Störung, deren Ausprägung sehr unterschiedlich ist. Auch stellen psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für eine vorzeitige Verrentung dar. Daraus wird deutlich, dass Sie als Medizinische Fachangestellte, auch wenn Sie nicht bei einem niedergelassenen Psychiater arbeiten, jeden Tag mit Menschen konfrontiert sind, die von Erkrankungen dieses Formenkreises betroffen sind. Eine besondere Herausforderung stellt der Kontakt mit akut psychotischen Patienten dar. Lesen Sie im folgenden Beitrag von „Praxisteam professionell“, wie Sie sich auf solche Situationen vorbereiten und am besten mit ihnen umgehen können.  

Psychische Erkrankungen sind schwer zu verstehen

Die Formen psychischer Erkrankungen unterliegen einer massiven Fehleinschätzung durch die Öffentlichkeit. Auch ohne jemals bewusst mit einem Betroffenen in Kontakt getreten zu sein, haben viele Menschen Urteile und Meinungen parat, die sich bei näherer Betrachtung als unhaltbar herausstellen. Außerdem kursieren unzählige Gerüchte über psychiatrische Kliniken, Behandlungsmethoden sowie die Patienten.  

 

Zu dem düsteren Image haben Filme und Literatur beigetragen, in denen zum Zweck des Spannungsaufbaus psychisch auffällige Protagonisten Hauptrollen einnehmen. Eine häufig tendenziöse journalistische Berichterstattung über forensische Straftäter (insbesondere, wenn es um sexuellen Missbrauch geht) schürt zusätzliche Ängste. Leider instrumentalisieren auch Politiker diese Themen (zum Beispiel die umstrittene Maßnahme der Sicherungsverwahrung), um sich als Hüter der Sicherheit zu profilieren.  

 

Besonders von Vorurteilen betroffen sind Menschen, die unter einer psychotischen Störung, zum Beispiel einer Schizophrenie, leiden. Denn die Symptome dieser Erkrankung sind für die meisten Menschen besonders schwer zu verstehen. Zu den Fehlinformationen, die sich als Allgemeinwissen in der Gesellschaft festgesetzt haben, gehören unter anderem die Vorstellungen, dass ...  

 

  • die Krankheit sich nicht behandeln lässt,
  • psychotische Menschen böse, gewalttätig und unberechenbar sind,
  • Betroffene sich nicht in die Gesellschaft integrieren können und
  • die Schuld an der Erkrankung in der Persönlichkeit des Betroffenen liegt (zum Beispiel in einer Charakterschwäche).

Ursachen von psychotischen Störungen

Obwohl große Anstrengungen unternommen wurden, die Ursachen von psychotischen Störungen zu identifizieren, ist die Wissenschaft bis heute nicht zu einer schlüssigen Antwort darauf gelangt. Es existieren verschiedene Modelle, in denen jeweils unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen. Einigkeit besteht darüber, dass am ehesten das Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren die Krankheit auslöst. Bestehen beispielsweise bereits ähnliche Erkrankungen bei den Eltern, ist die Gefahr größer, dass auch deren Kinder psychisch krank werden. Kommen dann noch der Konsum von Alkohol, weichen oder harten Drogen (drogeninduzierte Psychose) oder traumatisierende Erlebnisse (Gewalt, Katastrophen, Todesfälle im Familien- oder Freundeskreis, Trennungen und anderer Stress) dazu, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der betroffene Mensch an einer psychotischen Störung erkrankt.  

Wie zeigt sich eine akute psychotische Störung?

Psychiater unterscheiden mehrere Formen von psychotischen Störungen. Die diagnostischen Unterschiede sind zwar für die ärztliche Einschätzung sowie Behandlung wichtig, haben jedoch für den alltäglichen nicht-therapeutischen Kontakt wenig Bedeutung. Deshalb soll an dieser Stelle lediglich die häufigste Form psychotischer Störungen, nämlich die Schizophrenie, näher erklärt werden. Zwei wichtige Zeichen einer akuten psychotischen Störung sind:  

 

  • Wahn. Darunter versteht man Überzeugungen, die sich nicht mit den allgemein zugänglichen Erfahrungen aus der Umwelt in Einklang bringen lassen. Der Wahn ist nicht durch logische Argumente zu erschüttern.

 

  • Halluzination. Wahrnehmungen, für die es in der Umwelt keine Ursachen gibt. Dazu gehören zum Beispiel Stimmenhören oder Geschmacks- bzw. Geruchshalluzinationen. Die Betroffenen empfinden diese Wahrnehmungen oft als sehr bedrohlich.

 

Die Schwere der Erkrankung zeigt sich daran, dass sie in etwa jedem dritten Fall einen chronischen Verlauf nimmt, in dem der Betroffene schrittweise seine sozialen Fähigkeiten (zum Beispiel Arbeiten, Kontaktpflege zu Bezugspersonen) verliert. Studien haben aber gezeigt, dass in zwei Dritteln der Fälle der Verlauf günstig oder sogar sehr günstig ist. Etwa ein Viertel der Patienten, die zum ersten Mal eine psychotische Episode erleben, erkranken anschließend nicht erneut.  

Verhaltensänderungen des Patienten einschätzen

Unlängst berichtete die „Ärzte Zeitung“ von einem Patienten, der in einer orthopädischen Praxis in Stuttgart ein Pfefferspray zückte und damit 20 Erwachsene und ein Kind verletzte. Der 56-jährige Mann hatte sich bei der Anmeldung bereits auffällig verhalten. Er reagierte gereizt, warf Gegenstände umher. Als die zuständige MFA den Mann daraufhin ansprach, griff er die Anwesenden mit dem Spray an. Der Patient war zum ersten Mal in der Praxis gewesen und dem Team deshalb unbekannt. Nach dem Ereignis stellte sich heraus, dass er an einer Schizophrenie leidet, bis zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nie auffällig geworden war. In der Vernehmung durch die Polizei konnte der Mann keinen Grund für seine Handlungen angeben.  

Aus der engen Bindung der Patienten an die hausärztlichen Praxisteams entsteht auch für Sie als MFA eine besondere Verantwortung. Im besten Fall kann die richtige Deutung von Warnsignalen helfen, psychotische Krisen zu vermeiden. Denn psychotische Störungen entwickeln sich meist nicht schlagartig. Die Betroffenen gleiten stattdessen nach und nach in die Krise. Dabei nehmen die Zeichen der Wahrnehmungs- und Verhaltensänderung schrittweise zu. Die folgende Checkliste umfasst mögliche Frühsymptome.  

 

Checkliste: Frühe Warnsignale beachten! Der Patient...

ist schweigsamer geworden und zieht sich lieber zu Hause zurück, als mit Bekannten/Freunden zusammen zu sein.  

ist eher unsicher oder schüchtern anderen Menschen gegenüber.  

wirkt seit mehreren Wochen bedrückt, traurig oder verzweifelt.  

berichtet darüber, schlechter als sonst zu schlafen (zum Beispiel Einschlaf- oder Durchschlafstörungen, frühes Erwachen).  

berichtet über erheblich mehr/erheblich weniger Appetit als sonst.  

zeigt sich bei Bewegungen, Denken und Sprechen deutlich verlangsamt.  

berichtet von stark nachlassender Ausdauer und Motivation in Schule, Arbeit und der Freizeit.  

achtet weniger als früher auf seine persönlichen Bedürfnisse, zum Beispiel Gesundheit, Ernährung, Körperhygiene, Kleidung, Ordnung in der Wohnung.  

wirkt häufig nervös, unruhig oder angespannt.  

berichtet über eine deutliche Steigerung von Streit und Diskussionen mit Kontaktpersonen.  

berichtet darüber, dass seine Gedanken manchmal durcheinander geraten.  

berichtet von dem zunehmenden Eindruck, andere Menschen wollten ihn betrügen/ausnutzen.  

berichtet von dem Eindruck, bestimmte Vorkommnisse im Alltag (zum Beispiel Hinweise und Botschaften) hätten mit ihm persönlich zu tun oder seien nur für ihn bestimmt.  

berichtet, die vertraute Umgebung komme ihm manchmal unwirklich oder fremdartig vor (zum Beispiel besonders eindrucksvoll, ergreifend, bedrohlich).  

berichtet von ungewöhnlich intensiven Geräusch- oder Farbwahrnehmung. Dinge oder Menschen erscheinen äußerlich verändert.  

berichtet davon, seine Gedanken würden manchmal plötzlich von anderen Gedanken unterbrochen oder gestört.  

fühlt sich phasenweise ganz besonders beobachtet, verfolgt oder bedroht.  

sieht, hört, schmeckt oder riecht manchmal Dinge, die andere nicht bemerken können.  

 

Beachten Sie: Die genannten Warnsignale können nur Anhaltspunkte darstellen. Praxisteams hüten sich, die Betroffenen zu stigmatisieren bzw. die Individualität der Patienten aus dem Auge zu verlieren. Da bei mehr als 60 Prozent der Erkrankten ein günstiger Verlauf stattfindet, ist es vor allem nach der akuten Phase sehr hilfreich, wenn Kontaktpersonen (wie sie zum Beispiel Praxisteams darstellen) stützend agieren und den Betroffenen die Rückkehr in das gewohnte Leben erleichtern. Um den Patienten gerecht werden zu können, ist es entscheidend zu wissen, dass die Phasen der starken Ausprägung (auch als psychotische Krisen bezeichnet) unter einer geeigneten und rasch einsetzenden Behandlung meist relativ schnell überwunden sind.  

Erstmaßnahmen bei akuten Erregungszuständen
psychotischer Patienten

Obwohl es laut Polizeistatistik in Arztpraxen nur sehr selten zu Zwischenfällen wie dem geschilderten Angriff mit Pfefferspray kommt, sollten Praxisteams über eine Strategie zur Deeskalation gegenüber aggressivem Verhalten aufgrund psychotischer Störungen verfügen. Folgende Maßnahmen sind sinnvoll:  

 

1. Ruhe bewahren. Aufgeregtheit befeuert die Aggression, denn der Betroffene leidet an einer eingeengten Wahrnehmung und fühlt sich gegebenenfalls durch unübersichtliche Situationen bedroht und zur Gegenwehr genötigt.

 

2. Sofort alle Mitarbeiter zusammenrufen. Die Kommunikation mit dem Patienten übernimmt jedoch nur eine Person. Die anderen bleiben in größerem Abstand anwesend und verhalten sich still. Zahlenmäßige Überlegenheit kann Aggressionen die Spitze nehmen. Das Gespräch sollte derjenige führen, der den besten Zugang zu dem Patienten hat und ihn vielleicht schon länger kennt – dies muss nicht zwangsläufig der Arzt sein.

 

Richtlinien der Gesprächsführung

  • Sicherheitsabstand zum Selbstschutz wahren (außerhalb der unmittelbaren Reichweite des Patienten bleiben)
  • Zugewandte Körperhaltung einnehmen, Patienten direkt anschauen, mit ruhiger Stimme und deutlich moduliert sprechen
  • Klare Ansprache des Problems ohne Beschuldigungen, dem wahrnehmungsgestörten Menschen ist oft nicht bewusst, dass er als Bedrohung wahrgenommen wird
  • Grund des Ärgers erfragen
  • Begütigende Formulierungen wählen, keinesfalls über das Fehlverhalten diskutieren, es geht ausschließlich darum, die Situation zu entspannen
  • Beschuldigungen seitens des Patienten nicht beantworten und keinesfalls persönlich nehmen
 

3. Alle Patienten sowie andere nicht aus professionellen Gründen anwesende Personen aus dem Sichtfeld des aggressiven Patienten bitten; ggf. in einem Raum unterbringen und Türen schließen.

 

4. Bei erfolgreicher Bewältigung eine sofortige fachärztliche Behandlung einleiten (ggf. Transport in eine stationäre Einrichtung); sofern der Patient in psychiatrischer Behandlung ist, unbedingt Rücksprache mit dem zuständigen Arzt führen.

 

Vorsicht! Falls Waffen im Spiel sind sowie bei extremer Aggression ist eine sofortige Benachrichtigung der Polizei zwingend notwendig (Anruf außerhalb der Hörweite des Patienten ausführen).  

 

Beachten Sie: Menschen mit psychotischen Störungen sind nicht in der Lage, aus freiem Willen zu handeln. Eine aggressive Episode darf daher in der Folgezeit niemals zu einer Ablehnung des Patienten führen. Die Aggression ist lediglich Ausdruck einer Krankheit.  

 

Nach einem Vorfall mit aggressivem Verhalten sollte keiner der Betroffenen mit seinen Gefühlen allein gelassen werden. Sprechen Sie zuerst alle Patienten an, die zum Zeitpunkt des Vorfalls in der Praxis waren und erkundigen sich nach deren Befinden. Am Ende des Arbeitstages sollte das Team nicht einfach auseinander gehen, sondern jedem Beteiligten die Chance geben, seine Empfindungen mitzuteilen. Denn nicht jeder steckt eine bedrohliche Situation einfach weg. Erfahrene Mitarbeiter sollten sich besonders um die Auszubildenden kümmern.  

 

Quelle: Ausgabe 10 / 2008 | Seite 1 | ID 121860