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02.03.2011 | Medizinwissen

Was kann sich hinter akuten Brustschmerzen verbergen?

von Dr. med. Maria-Anna Schoppmeyer, Fachjournalistin Medizin, Nordhorn

Kommt ein Patient mit Brustschmerzen in die Praxis, kann dafür eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen verantwortlich sein. Wichtig ist es, die wenigen lebensbedrohlichen Krankheitsbilder schnell zu erkennen, damit eine entsprechende Therapie eingeleitet werden und der Patient rasch mit dem Notarzt (Tel. 112) in das nächstgelegene Krankenhaus transportiert werden kann. Dafür ist es notwendig, dass die MFA schon bei der Anmeldung erkennt, bei welchen Patienten akuter Handlungsbedarf besteht.  

Schnelles Handeln gefragt

Patienten, die mit Brustschmerzen in die Praxis kommen, müssen unverzüglich dem Arzt vorgestellt werden, damit keine Zeit verloren geht. Häufig melden sich Angehörige auch telefonisch, beschreiben die Beschwerden des Ehepartners oder eines Familienmitglieds und wollen wissen, was zu tun ist. Hier sollte die MFA Ruhe ausstrahlen, gezielt nach den Beschwerden fragen und dann mit dem Arzt verbinden.  

 

Lebensbedrohliche Krankheitsbilder, bei denen es wichtig ist, schnell zu handeln, sind:  

 

  • Akuter Herzinfarkt, instabile Angina pectoris
  • Aortendissektion
  • Lungenembolie
  • Spannungspneumothorax
  • Boerhaave-Syndrom

 

Im Praxisalltag treten solche vital bedrohlichen Fälle zwar selten auf, trotzdem sollte die MFA in der Lage sein, diese in ihrer Dringlichkeit korrekt zu beurteilen und schnell an den Arzt weiterzuleiten!  

Herzinfarkt, Angina pectoris und andere Herzerkrankungen

Kommt ein Patient mit akutem Brustschmerz in die Praxis, von dem bereits bekannt ist, dass er eine Koronare Herzerkrankung hat, besteht immer der Verdacht eines akuten Herzinfarktes oder einer instabilen Angina pectoris. Hier muss schnell gehandelt werden.  

 

Beim Herzinfarkt strahlen die Brustschmerzen typischerweise in die Schultergegend, den linken Arm, Hals und Unterkiefer aus. Hat der Patient einen Angina pectoris-Anfall, bessern sich die Beschwerden durch körperliche Ruhe oder durch die Einnahme eines kurz wirksamen Nitrates. Dies ist beim Herzinfarkt oder einer instabilen Angina pectoris nicht der Fall.  

 

Bei beiden Krankheitsbildern treten zusätzlich vegetative Beschwerden auf: Der Patient schwitzt, ihm ist übel und unter Umständen erbricht er. Um hier einen Herzinfarkt schnell zu erkennen, wird ein Zwölf-Kanal-EKG geschrieben. So lässt sich immerhin gut die Hälfte aller Herzinfarkte diagnostizieren. Mithilfe eines Schnelltestes (fünf Minuten) kann mittlerweile auch das Eiweiß Troponin T im Blut nachgewiesen werden, das drei bis vier Stunden nach dem Infarkt positiv wird.  

 

Beachten Sie: Ein Patient mit Verdacht auf Herzinfarkt oder instabiler Angina pectoris wird umgehend mit dem Notarzt (Tel. 112) in das nächstgelegene Krankenhaus - möglichst mit einem Herzkatheterlabor - transportiert.  

 

Weitere kardiale Erkrankungen, die mit Brustschmerzen einhergehen sind eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung (Myokarditis, Perikarditis). Auch Herzklappenfehler, eine Kardiomyopathie oder Herzrhythmusstörungen können thorakale Beklemmungsgefühle hervorrufen, meistens treten diese Beschwerden aber nicht so plötzlich auf.  

Aortendissektion

Bei der Aortendissektion kommt es zur Einblutung in die Aortenwand. Es entsteht ein zweites falsches Aortenlumen, das sich weiter nach oben oder unten ausbreitet. Der Patient beschreibt seine Beschwerden als plötzliche messerstichartige, sehr starke Brust- oder auch Rückenschmerzen. Durch den Blutverlust kommt es schnell zur Schocksymptomatik. Die endgültige Diagnose sollte rasch im Krankenhaus mittels CT, MRT oder transösophagealer Echokardiographie erfolgen.  

Lungenembolie, Spannungspneumothorax und andere pulmonale Erkrankungen

Bei der Lungenembolie handelt es sich um den Verschluss einer Lungenarterie durch einen mit dem Blut eingeschwemmten Embolus (= abgelöster Thrombus). Der Patient klagt häufig über einseitige Brustschmerzen, Luftnot und Husten. Voraussetzung ist das Vorhandensein einer tiefen Venenthrombose im Bein, die sich aber längst nicht immer klinisch bemerkbar macht.  

 

Praxishinweis

Hellhörig sollte die MFA werden, wenn der Patient von einer längeren Bus- oder Flugreise berichtet. Auch ein Patient mit Lungenembolie gehört sofort in das nächstgelegene Krankenhaus.  

 

Ebenfalls lebensbedrohlich ist der Spannungspneumothorax, der in der hausärztlichen Praxis aber eher selten zu sehen ist. Hierbei gelangt mit jedem Atemzug aufgrund eines Ventilmechanismus Luft in den Pleuraspalt, kann aber nicht wieder entweichen. Folge ist, dass in die betroffene Pleurahöhle mehr und mehr Luft gelangt, das Mediastinum sich zur gesunden Seite verlagert und den gesunden Lungenflügel komprimiert. Die Patienten leiden unter zunehmender Atemnot, werden zyanotisch und tachykard. Es kommt zur Schocksymptomatik. In dieser Situation muss durch den Arzt rasch eine Entlastungspunktion mittels einer großlumigen Kanüle im zweiten Interkostalraum vorgenommen werden. So kann die Luft aus dem Pleuraspalt entweichen.  

 

Bei einer Lungenfellentzündung (Pleuritis) verstärken sich die Brustschmerzen typischerweise bei der Einatmung. Meist besteht zusätzlich eine Lungenentzündung (Pneumonie).  

Boerhaave-Syndrom, Refluxkrankheit und andere gastrointestinale Erkrankungen

Sehr selten ist das Boerhaave-Syndrom. Hierbei handelt es sich um eine spontane Ruptur der Speiseröhre bei starkem Erbrechen. Der Patient leidet unter stärksten Schmerzen und muss umgehend in die nächste Klinik transportiert werden.  

 

Bei der Refluxkrankheit ist das Leitsymptom Sodbrennen. Der Schmerz ist meist hinter dem Brustbein lokalisiert und nimmt beispielsweise durch Bücken, Pressen, Rückenlage, Anstrengung, Stress und bestimmte Nahrungsmittel zu. Geschwüre des Magens oder Zwölffingerdarmes, Gallensteine oder eine Bauchspeicheldrüsenentzündung können zwar mit Brustschmerzen einhergehen, fast immer bestehen allerdings zusätzlich abdominelle Beschwerden.  

Orthopädische Erkrankungen

Neben den lebensbedrohlichen Krankheitsbildern gibt es eine Vielzahl weiterer Erkrankungen, die akute Brustschmerzen hervorrufen. All diese Erkrankungen sind für den Patienten zwar schmerzhaft, es besteht jedoch kein umgehender medizinischer Handlungsbedarf. Häufigste Ursache sind orthopädische Probleme:  

 

  • Hierzu zählt beispielsweise die Wirbelgelenksblockierung, bei der nach einer Bewegung plötzlich Schmerz einsetzt, der bewegungs- und atemabhängig ist.
  • Bei einer Interkostalneuralgie beschreiben die Patienten eine Schmerzausstrahlung entlang der Zwischenrippennerven.
  • Beim Tietze-Syndrom kommt es zu einer schmerzhaften Schwellung am Übergang Knorpel-Knochen an den oberen Rippen.
  • Auch eine Arthritis des Schultergelenks kann zu Brustschmerzen führen.

 

Quelle: Ausgabe 03 / 2011 | Seite 8 | ID 142671