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QualitätsanspruchMuss wirklich alles perfekt sein? Wo Genauigkeit zählt – und wo Klarheit wichtiger ist

Leseprobe07.09.20263 Min. LesedauerVon RA Jan Lukas Kemperdiek, Partner bei advomano, Hagen

Gerade am Anfang willst du als Anwält*in vieles besonders gut machen. Doch Perfektionismus hilft dir nicht überall weiter. Bei Fristen, Anträgen und rechtlichen Fragen zählt höchste Sorgfalt. In der Kommunikation mit Mandant*innen ist dagegen oft Klarheit wichtiger als die perfekte Formulierung. Schau dir an, wo sich Perfektionismus lohnt – und wo er dich nur Zeit und Nerven kostet.

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Mandant*innen brauchen Verständlichkeit statt Perfektion

Wenn du in den Beruf einsteigst, lernst du schnell, dass juristische Fachsprache zum Handwerk gehört. Dadurch entsteht der Eindruck, dass auch jede Erklärung und jede Formulierung möglichst juristisch präzise und perfekt sein muss. In der Kommunikation mit Mandant*innen ist sie aber oft ein Problem. Die meisten Menschen wollen vor allem eins: verstanden werden und das Gefühl haben, dass du ihr Problem ernst nimmst. Dafür brauchst du keinen perfektionistischen „Professorinnenstil“, sondern Klartext.

Das heißt: Du benennst das rechtliche Problem, die Risiken und die nächsten Schritte so, dass deine Mandant*innen es ohne Kommentar lesen oder hören und verstehen können. Du sagst offen, was geht, was nicht geht und wo es Unsicherheiten gibt, ohne es in Floskeln zu verstecken. Gerade am Anfang der Mandatsarbeit ist das besonders wichtig, da du so den Erwartungshorizont der Mandant*innen absteckst und Missverständnisse oder Enttäuschungen gezielt verhindern kannst. Wer weiß, dass es schwierig ist, freut sich über den Erfolg. Wer von einem Erfolg ausgeht und verliert, ist enttäuscht.

Perfektionismus im Schriftsatz – Segen oder Zeitfresser?

Natürlich gibt es Bereiche, in denen Genauigkeit Pflicht ist: Anträge, Fristen, Rechtsmittel. Hier darf nichts schiefgehen. Perfektionismus wird aber dort zum Problem, wo du viel Zeit investierst, ohne die Qualität deiner Arbeit entscheidend zu verbessern. Du feilst an jeder Formulierung, suchst die „perfekte“ Gliederung, schreibst lange Absätze, die juristisch brillant sind – aber niemand versteht sie.

Die Folge: Du investierst viel Zeit in Nuancen, die für deine Mandant*innen keinen Mehrwert bringen. Sie wollen wissen, ob ihre Ansprüche durchsetzbar sind, welche Kosten drohen und wie lange das Verfahren ungefähr dauern wird – nicht, ob der Schriftsatz stilistisch einem Kommentarbeitrag gleicht.

So vermeidest du unnötigen Perfektionismus in der Mandatskommunikation

  • 1. Erklär das Problem in Alltagssprache. Bevor du mit Paragraphen argumentierst, beschreibst du, was tatsächlich passiert ist und welche rechtliche Frage dahintersteht, ohne Abkürzungen und Fachbegriffe. Wenn du Fachbegriffe nutzt, erklärst du sie sofort im selben Satz. Rede mit deinen Mandant*innen so, wie du deinen Nachbar*innen ein juristisches Problem erklären würdest.
  • 2. Struktur statt Feinschliff. Für Mandant*innen ist wichtig, dass deine E-Mails und Besprechungen klar aufgebaut sind: Was ist der Stand? Was sind die Optionen? Was empfiehlst du? Welche nächsten Schritte folgen konkret? Das ist wertvoller, als den Text sprachlich „perfekt“ zu machen.
  • 3. Ehrlich über Risiken sprechen. Klartext heißt auch, dass du Risiken und Unsicherheiten offen ansprichst. Mandant*innen schätzen es, wenn du deutlich machst, wo es gute Erfolgsaussichten gibt, wo es dünn wird und welche Alternativen es gibt (z. B. Vergleich, Mediation). Ein einfacher, klarer Satz ist hier besser als ein ganzer vorsichtig-verklausulierter Absatz.

Wo sich Perfektionismus lohnt – und wo nicht

Dein Qualitätsanspruch lohnt sich dort, wo Fehler echte Konsequenzen haben: bei Fristen, Zahlen, Anträgen, Auslegung, Argumentation und Umgang mit Rechtsprechung gegenüber Gericht und Gegenseite. Hier ist sorgfältiges Arbeiten Pflicht.

Dein Perfektionismus bremst dich bei Formulierungen gegenüber Mandant*innen. Ob deine E-Mail einen besonders eleganten Stil hat, ob du drei oder fünf Nebensätze verwendest oder ob jede Formulierung „kommentarfähig“ ist. Hier gilt: „Sehr gut und verständlich“ ist besser als „perfekt, aber unklar“.

Praxistipp — Du musst nicht überall perfekt sein. Entscheidend ist, dass du den Unterschied zwischen Aufgaben erkennst, bei denen höchste Sorgfalt nötig ist und bei denen Pragmatismus die bessere Lösung ist. Setz deinen Qualitätsanspruch an den Stellen ein, an denen Fehler Folgen haben. Das entlastet dich im Alltag und sorgt gleichzeitig dafür, dass du das lieferst, was deine Mandant*innen wirklich wollen, nämlich Klarheit, Orientierung und das Gefühl, ernst genommen zu werden.

ID: 50920552

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