ErfahrungsberichtMein Berufseinstieg im Medizinrecht – von Zweifel, Lernen und Spezialisierung
Als ich vor knapp drei Jahren als Rechtsanwältin im Medizin- und Sozialrecht angefangen habe, wusste ich zwar, dass ich Medizinrecht machen möchte. Was ich damals allerdings noch nicht wusste: Wie viel man in den ersten Berufsjahren tatsächlich lernt – und wie oft man dabei an die eigenen Grenzen kommt.

Plötzlich mittendrin
Das Medizinrecht gehört zu den Rechtsgebieten, die weder im Studium noch im Referendariat umfassend vermittelt werden. Viele Fragestellungen sind deshalb neu. In meinem Fall wurde ich bereits zu Beginn meiner anwaltlichen Tätigkeit mit Themen der außerklinischen Intensivpflege konfrontiert. Ehrlicherweise wusste ich damals nicht einmal genau, was außerklinische Intensivpflege überhaupt ist.
Rückblickend war das zunächst überfordernd. Plötzlich sollte ich Mandate aus einem hochspezialisierten Bereich bearbeiten, dessen rechtliche und tatsächliche Besonderheiten mir völlig unbekannt waren. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass von mir erwartet wird, die Antworten bereits zu kennen.
Heute weiß ich: Genau das gehört zum Berufseinstieg dazu.
Was mir wirklich geholfen hat
Geholfen hat mir letztlich das, was man im Jurastudium lernt. Nicht das auswendig gelernte Detailwissen, sondern die juristische Arbeitsweise. Ich habe mir die gesetzlichen Grundlagen vorgenommen, die relevanten Regelwerke gelesen und mich Schritt für Schritt in die Materie eingearbeitet. Die Fähigkeit, unbekannte Sachverhalte systematisch zu erschließen, ist vermutlich das wichtigste Handwerkszeug, das man aus Studium und Referendariat mitnimmt.
Mindestens genauso wichtig waren jedoch die Menschen um mich herum. Gerade in den ersten Berufsjahren habe ich enorm von erfahrenen Kolleg*innen profitiert. Im Studium wird häufig der Eindruck vermittelt, dass juristische Arbeit vor allem Einzelleistung ist. In der anwaltlichen Praxis habe ich das Gegenteil erlebt. Die besten Lösungen entstehen oft im Austausch. Viele der Dinge, die ich heute weiß, habe ich in Gesprächen mit Kolleg*innen gelernt.
Mit der Zeit kamen dann auch die ersten eigenen Mandate, mehr Verantwortung und schließlich eigene fachliche Schwerpunkte hinzu. Heute beschäftige ich mich unter anderem intensiv mit Vergütungsverhandlungen mit Krankenkassen sowie mit Fragen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Bereiche, von denen ich zu Beginn meiner anwaltlichen Tätigkeit noch nicht einmal wusste, dass sie einmal zu meinem Arbeitsalltag gehören würden.
Was ich aus meinen ersten drei Jahren gelernt habe
Besonders spannend finde ich rückblickend, wie sich das eigene Berufsbild verändert. Zu Beginn geht es vor allem darum, fachlich sicher zu werden. Später kommen weitere Aspekte hinzu: Mandantenkontakt, Vorträge, Veröffentlichungen, Netzwerkarbeit und der Austausch innerhalb der Fachwelt. Gerade im Medizinrecht ist Vernetzung wichtig. Viele Entwicklungen werden auf Tagungen, Kongressen und Fachveranstaltungen diskutiert, lange bevor sie in Kommentaren oder Fachbüchern zu finden sind.
Vor Kurzem habe ich zudem den Fachanwaltskurs Medizinrecht absolviert. Neben dem Beruf war das durchaus anspruchsvoll. Gleichzeitig hat mir der Kurs noch einmal gezeigt, wie vielfältig unser Rechtsgebiet ist und wie wichtig kontinuierliche Weiterbildung bleibt.
Wenn ich heute auf meine ersten Berufsjahre zurückblicke, dann würde ich vor allem eines anders bewerten: die eigene Unsicherheit. Vieles, was ich damals als persönliches Defizit wahrgenommen habe, war in Wahrheit ein ganz normaler Teil des Lernprozesses. Niemand startet als fertige Anwältin oder fertiger Anwalt in den Beruf.
Die ersten Jahre sind intensiv, manchmal anstrengend und gelegentlich auch frustrierend. Sie sind aber vor allem die Zeit, in der man fachlich und persönlich am meisten wächst. Deshalb würde ich dir als Berufseinsteiger*in raten: Nicht zu schnell an sich selbst zweifeln, Fragen stellen, Unterstützung annehmen und sich die Zeit geben, die es braucht, um in einem anspruchsvollen Beruf anzukommen.
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