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·Fachbeitrag ·Zahnersatz

Implantate für den alten Patienten – warum nicht?

von Wolfgang Schmid, Schriftleiter ZahnmedizinReport, Berlin

| Die durchschnittliche Lebenserwartung wächst stetig. Sie liegt in Deutschland für Frauen durchschnittlich bei 83,1 und für Männer bei 78,1 Jahren. Dieser demografische Wandel führt dazu, dass auch die Patientenklientel in den zahnärztlichen Praxen im Durchschnitt immer älter wird. Sind Implantatversorgungen für diese Patientengruppe geeignet? Experten auf dem 32. DGI-Kongress in Wiesbaden waren sich einig: Ja – wenn man darauf achtet, dass festsitzender Zahnersatz nicht zum Stress wird! |

Demografischer Wandel in Implantattherapie angekommen

Kumulativ bedingt ist die Zahl an verloren gegangenen Zähnen im Alter höher. Gründe für den Zahnverlust sind dann häufig parodontale Erkrankungen: Unter den 35- bis 44-Jährigen haben 8,2 eine schwere und 43,4 Prozent eine moderate Parodontitis; bei den 65- bis 74-Jährigen sind es 19,8 bzw. 44,8 Prozent. Vorliegen können Einzelzahn- und Schaltlücken, Freiendsituationen und zahnlose Kiefer – genau wie auch bei jüngeren Patienten.

 

In vielen Fällen bietet sich eine implantatgestützte kaufunktionelle Rehabilitation an, deren positive Effekte auf die Lebensqualität im Vergleich zu vielen anderen alternativen Therapiemethoden bekannt sind. „Angesichts des demografischen Wandels und der steigenden Zahl von Patienten mit implantatgetragenem Zahnersatz müssen wir die Kriterien des Behandlungserfolgs in der Implantologie ergänzen und unsere Planung sowie das langfristige Management von Implantaten anpassen“, fordert Prof. Dr. Frauke Müller von der Abteilung für Gerodontologie und Prothetik der Universität Genf: „Wir sehen heute zunehmend ältere Patientinnen und Patienten, deren Implantate seit mehr als 30 Jahren erfolgreich und intakt sind.“

 

Dies ist eine gute Nachricht. Positiv auch: Implantatgetragener Zahnersatz gehört auch bei betagten Patienten mittlerweile zum modernen Therapiespektrum, um die Kaufunktion zu erhalten. Denn diese ist nicht nur für eine gesunde Ernährung wichtig, sondern auch für das Training der Kaumuskeln und für die Kognition.

Weniger Implantat-Kontraindikationen als früher bei Älteren

Was im Alter dann jedoch besonders ist, sind die zunehmenden Erkrankungen: Je älter ein Patient ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen auch mehrerer Erkrankungen. In der Altersgruppe der 40- bis 54-Jährigen haben knapp 70 Prozent zwei oder mehr Erkrankungen, in der Altersgruppe der 70- bis 85-Jährigen sind es über 90 Prozent. Jeder fünfte 70- bis 85-Jährige hat sogar fünf oder mehr Erkrankungen. Prof. Dr. Dr. Christian Walter, MKG-Chirurg an der Universität Mainz, zählt auf: „Einzelne dieser Erkrankungen wurden in der älteren Literatur als absolute oder relative Kontraindikationen gesehen. Hierzu gehören beispielsweise die Osteoporose, der Diabetes mellitus, die Parodontalerkrankung, antiresorptive Therapien oder auch eine Radiatio der Kopf-Hals-Region.“ Hier ist man inzwischen toleranter.

Implantattherapie bei betagten Patienten kritisch hinterfragen

Doch die Vorteile der Implantate kehren sich in Nachteile um, wenn ihre Träger älter werden. „Implantate ändern sich nicht – im Gegensatz zu der Umgebung, in die sie eingepflanzt wurden“, sagt Frauke Müller. Beim Altern ändert sich die Physiologie und mit dem Knochenschwund auch die Anatomie im Mund. Wenn Seh- und Tastvermögen sowie die Geschicklichkeit schwinden, fällt älteren Menschen die Mundhygiene zunehmend schwerer.

 

Bei der Implantatchirurgie gilt es, die Belastung für die Patienten gering zu halten. Insbesondere sind umfangreiche Augmentationen zu vermeiden. Die Standardimplantation sollte – wenn immer möglich – ohne Aufklappen angestrebt werden. Durch die zunehmende Verwendung kurzer oder durchmesser-reduzierter Implantate konnten große Fortschritte erzielt werden.

 

Faktoren wie Belastbarkeit, physischer und mentaler Status, Medikamentenanamnese, Erwartungen und soziales Umfeld sind bei den betagten Patienten extrem vielfältig und von Fall zu Fall sehr verschieden. Die prothetische Planung wird mit zunehmendem Alter also immer individueller, da die Diversität zwischen den Einzelnen zunimmt. Implantatgetragener Zahnersatz bei Älteren erfordert häufig stark interdisziplinäre Planungen, um den biologischen, psychologischen und sozialen Umständen unserer älteren Patientinnen und Patienten Rechnung zu tragen.

 

PRAXISTIPP | Der Zahnersatz für einen „jungen alten Patienten“ kann genauso gestaltet werden wie für jüngere Patienten – jedoch muss vor allem mit einsetzender Pflegebedürftigkeit die Behandlungsplanung häufig von den akademisch-theoretischen Lehrmeinungen abweichen, um eine individuell zufriedenstellende Lösung zu finden. Dazu stellt Prof. Dr. Martin Schimmel, Leiter der Abteilung für Gerodontologie und des zahntechnischen Labors Zahnmedizinische Kliniken der Universität Bern, klar: „Es gibt hierfür die Zahnmedizin keine validierten Parameter. Aber ein Patient, der sich weder selbst ankleiden noch selbstständig auf die Toilette gehen kann, ist für eine Implantattherapie eher nicht geeignet.“

 

Wie sieht der optimale Alters-Zahnersatz aus?

Für Martin Schimmel stehen zwei Themenkomplexe im Vordergrund: erstens die Invasivität der Behandlung durch digitale Planungen und geführte Implantatchirurgie zu minimieren und zweitens prothetische Konzepte voranzubringen, die helfen, den altersbedingten Funktionsverlust zu kompensieren. Zu bedenken ist: Werden Implantatträger zu Pflegefällen, sind die Pflegekräfte ebenfalls oft mit der Mundhygiene überfordert. Wenn sich dann Zahnbeläge anhäufen, wächst das Risiko für eine Lungenentzündung, wenn keimbeladener Speichel in die Bronchien gelangt.

 

Bei der Patientenauswahl für eine gero-implantologische Therapie sollte man auch Faktoren wie etwa die Aktivitäten des täglichen Lebens berücksichtigen: Dass Patienten ihre prothetische Versorgung unabhängig handhaben und reinigen können, müsse zu einem zusätzlichen Erfolgskriterium einer Implantatversorgung werden, fordert Frauke Müller. Die Gestaltung von Zahnersatz, der einfach zu reinigen und ggf. „zurückbaubar“ ist, sollte also selbstverständlich sein: Eine festsitzende implantatgetragene Rekonstruktion muss so konstruiert werden, dass sie in eine herausnehmbare Versorgung umgewandelt werden kann, deren Verankerung kontinuierlich den Erfordernissen angepasst wird und zunehmend leichter zu handhaben ist.

 

Die zentrale Rolle der Verankerung

Zur Verankerung von implantatgetragenem Zahnersatz im restbezahnten oder zahnlosen Kiefer stehen verschiedene Konzepte zur Verfügung. Insbesondere der Übergang von der Restbezahnung in die Zahnlosigkeit erfordert hierbei eine angepasste und vorausschauende implantologische Planung.

 

Sitzt der Zahnersatz zunächst fest, etwa auf einem implantatgetragenen Steg, kann er bei Bedarf mit einfacheren Halte-Elementen befestigt werden. Weitere Verbindungselemente wie Kugelkopf-Anker, Locator, Novaloc- oder Magnet-Verbindungen können verwendet werden. Die Eigenschaften dieser Attachments sind allerdings sehr unterschiedlich. Da sie großen Einfluss auf die resultierende Kaufunktion und damit auch die Lebensqualität haben, scheinen sowohl eine zuverlässige Retentionswirkung der Verbindungselemente als auch die funktionelle Lagestabilität der Prothese von großer klinischer Bedeutung zu sein.

 

Nicht jeder braucht und will festsitzenden Zahnersatz

„Die weitverbreitete Annahme, dass Patienten einen maximal festsitzenden Zahnersatz bevorzugen, gilt nicht für gebrechliche Senioren“, sagt Frauke Müller. „Diese Menschen werden durch einen sehr festsitzenden und daher schwer herausnehmbaren Zahnersatz eher gestresst.“ Es ist daher die Aufgabe der Zahnärzte, den Zahnersatz kontinuierlich an die jeweiligen Fähigkeiten eines Patienten so anzupassen, damit dieser eine Versorgung autonom handhaben kann.

 

Die modernen Verfahren der CAD/CAM-Konstruktion von Zahnersatz können dieses Vorgehen erleichtern. Mit ihrer Hilfe lassen sich auf Basis gespeicherter Daten wiederholt ähnliche, aber einfachere Dentalprothesen zu geringen Kosten herstellen, ohne dass erneut ein Abdruck genommen werden muss.

 

Quellen

  • Zahnimplantate im Alter: Expertin fordert anpassungsfähige Versorgungen. Mitteilung der DGI vom 30.11.2019
  • Boeckler A F. Heute schon an morgen denken: implantat-prothetische Aspekte der höheren Lebensabschnitte
  • Müller F. Alter – zahnlos, Demenz, Heim
  • Schimmel M. Konzepte und Betreuung bei Einsetzen der Pflegebedürftigkeit
  • Walter C. Braucht es im Alter noch Implantate?
  • Alle: Vorträge auf dem 32. Kongress der DGI, Wiesbaden, 29.11.–01.12.2018
Quelle: Ausgabe 02 / 2019 | Seite 18 | ID 45691352