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·Nachricht ·Mitarbeiterführung

Junge Ärzte treffen auf alte Strukturen ‒ chefärztliches Umdenken ist der Königsweg

von Prof. Dr. med. Wolfgang Kölfen, Chefarzt am Zentrum für Kinder- & Jugendmedizin der Städtischen Kliniken Mönchengladbach

| Die junge Generation der Ärzte setzt in den Krankenhäusern gerade eine Revolution in Gang. Sie kommen nicht laut daher, sondern verändern das Krankenhaus still und schleichend. Dieser Wandel ist grundlegend, nachhaltig und unumkehrbar. Auch ältere, berufserfahrene Ärzte können diesen jungen Ärzten dankbar sein, denn sie fordern etwas, was auch ihnen selbst zugutekommt. Auch ältere Ärzte wollen inzwischen anders leben und arbeiten. Es entsteht gerade eine neue Berufskultur des Arztes. Wie sie bei älteren Chefärzten zu einem Umdenken führen kann, zeigt der Autor anhand der Erlebnisse des fiktiven Professor Luitmar, der zunächst so gar nicht versteht, warum sich die jungen Assistenten nicht einfach an seine Anweisungen halten! |

Ärztliche Morgenbesprechung ‒ Sinnbild alter Zeiten

Professor Luitmar ist der Chef der Klinik für Kinder und Jugendliche. Er führt diese Klinik seit über 20 Jahren. Viel hat sich in den Jahren geändert, allerdings ist er unverändert der Meinung, dass ein Klinikchef einen klaren Führungsstil benötigt, um den Herausforderungen der neuen Zeit gerecht werden zu können.

 

Die Morgenbesprechung beginnt pünktlich um 08:00 Uhr. Die Ärzte der Intensivstation sind wie immer zu spät. Der diensthabende Assistenzarzt stellt die neuen Patienten vor, die er in der Nacht aufgenommen hat. Professor Luitmar hört zunächst zu, sagt dann aber nach einer Weile: „Können Sie die Anamnese auch ein wenig präziser vorstellen? Ich habe den Eindruck Sie sind hier sehr oberflächlich informiert.“

 

Professor Luitmar beobachtet die Ärzte im Raum, während Dr. Kreuzberg von einem 4-jährigen Kind mit einer ausgeprägten Lungenentzündung berichtet. Das Röntgenbild zeigt „rechts basal ein richtiges Infiltrat“. Während er den Satz gerade zu Ende geführt hat, sagt Professor Luitmar mit lauter Stimme: „Ich möchte nicht, dass Sie hier einfach sinnlose Röntgenuntersuchungen bei Kindern durchführen.“ In dem Augenblick geht die Tür im Besprechungszimmer auf und die Blauen treten ein.

 

„Schön, dass Intensiv auch den Weg herunter gefunden hat. Heute sind es nur 10 Minuten Verspätung.“ Der Oberarzt der Intensivstation erwidert gleich: „Wir haben so viele kritische Patienten und Patientenversorgung hat immer Vorrang.“ „Ich verlange, dass Sie ein vernünftiges Zeitmanagement durchführen und hier unten pünktlich antreten“, erwidert der Professor sichtlich verärgert.

 

Eine Assistenzärztin unterbricht die kurze Stille und sagt: „Die Eltern auf K1 waren extrem schwierig. Sie verlangten unbedingt ein Einzelzimmer, das wir zur Zeit nicht haben. Zusätzlich haben die Eltern die ganze Zeit während des Wochenendes an den Kinderkrankenschwestern auf Station herumgenörgelt. Der Höhepunkt war dann noch, dass sie abends nach einer Tageszeitung verlangt haben, mit der Begründung schließlich seien sie ja privat und laut Vertrag würde Ihnen dies zustehen. Ich habe dann gesagt, dass diese Zeitung normalerweise immer vom Oberarzt oder vom Chefarzt persönlich überbracht wird, weil es aber schon 22:00 Uhr sei, würde das heute nicht mehr klappen. Es kann also sein, dass diese Leute sich heute bei Ihnen über mich beschweren.“

 

Professor Luitmar Antwort kommt schnell: „Früher war das doch alles ganz anders, da wussten die Leute wenigstens zu schätzen, wenn wir ihre kranken Kinder wieder gesund gemacht haben. Heute habe ich den Eindruck, dass manche Eltern nur kommen, um hier in Ruhe nörgeln zu können.“ Schmunzeln war bei den Ärzten zu erkennen, gelacht wurde aber nicht.

 

„Also nochmal, halten Sie sich nicht mit nörgelnden Eltern auf. Ihre Aufgabe ist eine gute medizinische Versorgung der kranken Kinder, dafür sind wir schließlich berufen. Manche Eltern stören uns nur bei der Arbeit. Wegschicken können wir sie leider nicht.“

 

Professor Luitmar fragt nun: „Wer ist denn heute mit dem Vortrag aus dem Journal-Club dran?“ Im Raum tritt umgehend Schweigen ein. Dann sagt die Assistentensprecherin: „Wir dachten, heute wird es mit der Zeit etwas knapp, sodass wir keinen Vortrag vorbereitet haben.“ „Sie sollen nicht denken, sondern sich schlicht und einfach an meine Anweisungen halten“, erwidert Professor Luitmar und verlässt den Raum. Beim Herausgehen denkt er: „Ist ja wieder typisch, alles muss ich im Vorfeld kontrollieren, damit es überhaupt klappt.“

Die Chefarztvisite ‒ Alte Tradition trifft auf neue Wirklichkeit

Nach der Besprechung geht Professor Luitmar direkt zur Chefvisite auf die Station K2. Dort angekommen, stellt er fest, dass bereits alles für die Visite gerichtet war. Die Assistenzärzte der Station, der Oberarzt und 2 PJler haben sich bereits um den Visitenwagen versammelt. Kurzfristig haben sie überlegt, mit der Visite zu beginnen, da der Chef heute 15 Minuten zu spät kommt. Sich getraut, alleine anzufangen, haben sie aber nicht.

 

Nun ging es endlich los. Im ersten Zimmer stellt die Assistenzärztin in Anwesenheit der Mutter das kranke Kind vor. Professor Luitmar hat Rückfragen zur Anamnese, die er aber direkt an den Oberarzt stellt. Bevor die Mutter zu einer Frage ansetzen kann, sind die Weißen aber schon wieder entschwunden.

 

Im dritten Zimmer liegt ein 15-jähriges Mädchen mit einem Morbus Crohn. Die Patientin hat ein Rezidiv entwickelt. Die Assistenzärztin berichtet: „Seit ca. 4 bis 6 Wochen hat die junge Dame ihre Tabletten nicht mehr genommen. Sie hatte keinen Bock mehr darauf und hat sie einfach weggelassen.“

 

Direkt übernimmt Professor Luitmar die Initiative und spricht die junge Patientin an: „Du musst Deine Tabletten nehmen, sonst wird das nichts mit Dir. Du machst uns zusätzlich unnötige Arbeit. Wir müssen uns einfach darauf verlassen können, dass Du unseren Anweisungen folgst. Es kann doch nicht so schwierig sein, jeden Morgen und Abend an diese Tabletten zu denken. Du siehst doch so aus, als wenn Du ausreichende Intelligenz hast, um das zu schaffen.“ Die junge Patientin schaut den Professor an und sagt dann: „Lassen Sie Ihren Zeigefinger zu Hause. Vor zwei Monaten ist mein Vater gestorben, da habe ich ganz andere Sorgen. Seitdem geht es mir einfach sehr schlecht.“

 

An den Assistenzarzt gewandt sagt Professor Luitmar dann: „Ich glaube am einfachsten ist es, wenn wir unsere Psychologin holen, damit sie mal mit dem Mädchen spricht.“

 

Im achten Zimmer kommt es dann erneut zu Schwierigkeiten. Der Assistenzarzt versucht gerade, einen Patienten vorzustellen. Der Junge hat eine geistige Behinderung und ist vom Kinderarzt eingewiesen mit dem Verdacht auf psychomotorische Anfälle. Die Darstellung der Anamnese erfolgt in Anwesenheit der Mutter und ist lückenhaft, sodass Professor Luitmar ungeduldig wird und dann rasch sagt: „Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich hier vernünftig vorbereiten und die wesentlichen Fakten zum Patienten präsent haben. So kann ich doch meinen Rat nicht geben. Der Hinweis, dass Sie gestern frei hatten, ist doch eine Zumutung. Früher haben wir tagelang durchgearbeitet und das Wohl des Patienten stand für uns immer im Vordergrund. Diese viele Freizeit, die Sie als Ärzte heute alle haben, ist doch eine echte Gefahr für die kontinuierliche Patientenbetreuung. Zu meiner Zeit wäre das nicht vorgekommen. Außerdem erscheint mir die Indikationsstellung des niedergelassenen Kollegen sehr fragwürdig, uns überhaupt diesen Patienten zu schicken.“ In den letzten drei Krankenzimmern gibt es keine „weisen“ Tipps des Chefarztes mehr und er verabschiedet sich grußlos von der Station.

Das Bewerbungsgespräch ‒ Spielregel-Änderung

Professor Luitmar hat jetzt ein Bewerbungsgespräch mit einer jungen Kollegin, die er kurz grüßt und dann auffordert: „Stellen Sie sich doch bitte einfach einmal kurz vor.“ „Was wollen Sie denn von mir wissen? Wo soll ich denn anfangen?“, sagt Frau Dr. Bischoff. „Naja, Sie erzählen mir am einfachsten einmal, warum Sie sich speziell bei mir und meiner Klinik beworben haben.“

 

Professor Luitmar weiß aus den Bewerbungsunterlagen, die er kurz zuvor noch durchgeschaut hatte, dass es sich um eine interessante Bewerberin handelt. Frau Dr. Bischoff hat bereits verschiedene Famulaturen und auch ihr PJ in der Kinder- und Jugendmedizin abgeleistet. Zusätzlich ist sie Kinderkrankenschwester, die sich ihr Studium mit Nachtdiensten auf der Neo Intensiv finanziert hat.

 

Frau Dr. Bischoff erzählt dem Professor, was sie schon alles gemacht hat. Ihre anfängliche Nervosität verliert sie zunehmend. Professor Luitmar unterbricht sie nach einigen Minuten und sagt: „Was haben Sie denn für Fragen an mich?“

 

„Mich würde interessieren, ob Sie ein ausgearbeitetes Ausbildungscurriculum haben, wo genau drin steht, wie meine Ausbildung zur Fachärztin hier in Ihrer Klinik aussehen wird. Zusätzlich weiß ich von anderen Kliniken, dass man dort als Berufsanfänger einen Mentor bekommt. Wie sieht das bei Ihnen aus? Eine dritte Frage ist: unterstützen Sie mich, wenn ich wichtige externe Fortbildungen besuchen möchte? Wird das auch vom Haus bezahlt?“

 

Professor Luitmar antwortet: „Solche Ausbildungspläne haben wir nicht, weil ich davon nichts halte. Sie können aber sicher sein, dass Sie bei mir eine gute Ausbildung bekommen, wenn Sie sich richtig anstrengen und sich an meine Anweisungen halten. Das hat bei den anderen Ärzten in der Vergangenheit immer gut geklappt. Falls Sie Fragen haben, können Sie sich immer gerne an mich wenden. Über die Sinnhaftigkeit von externen Fortbildungen entscheide ich selber, sodass Sie da auf der sicheren Seite sind.“

 

Frau Dr. Bischoff wirkt zunächst ein wenig irritiert und fragt dann: „Wie sieht es denn mit einem Hospitationstag in Ihrer Abteilung aus? Ich würde ja schon gerne Ihr Team im Vorfeld einmal kennenlernen.“ Hierauf antwortet Professor Luitmar: „Wir haben hier ein ganz tolles Team, davon können Sie einfach ausgehen. Da brauchen Sie nicht hospitieren kommen, dass würde auch zu viel Unruhe in die Abteilung bringen.“

 

Frau Dr. Bischoff meldet sich noch einmal zu Wort und sagt: „Ich habe die Möglichkeit, zwischen mehreren Kliniken auszuwählen und ich suche nach guten Argumenten, warum ich gerade zu Ihnen kommen soll. Aus diesem Grunde ist eine solche Hospitation schon für mich sinnvoll, damit ich keinen Fehler bei meiner Entscheidung mache.“

 

Zum Abschluss des Gesprächs meint Frau Dr. Bischoff dann: „Herr Luitmar, ich bedanke mich, dass ich Sie heute kennenlernen durfte. Grundsätzlich kommt Ihre Klinik für mich in Frage. Ich werde mich in nächster Zeit wieder bei Ihnen melden. Ich muss auch noch schauen, wie ich das hinkriege, dass ich am Donnerstag arbeiten kann, weil ich dann immer Yoga mache. Hierüber müssen wir dann vielleicht noch einmal gesondert sprechen. Vielleicht möchte ich auch nur eine halbe Stelle nehmen.“

 

Mittags hat sich Professor Luitmar mit Professor Dornfeld, dem Chefarzt der Inneren Medizin, zum Mittagessen in der Personalcafeteria verabredet. Professor Dornfeld hat erst vor drei Jahren die Abteilung übernommen und innerhalb kurzer Zeit hat er sich einen sehr guten Ruf bei seinen eigenen ärztlichen Mitarbeitern, aber auch bei den niedergelassenen Kollegen erarbeitet. Professor Luitmar sagt zu seinem Kollegen: „Stellen Sie sich einmal vor, was mir heute passiert ist. Eine ärztliche Bewerberin teilt mir zum Abschluss unseres Gesprächs mit, dass Sie erst einmal in Ruhe über mein Stellenangebot in unserer Klinik nachdenken müsse. Nicht ich stelle ein, sondern die Bewerberin möchte diese Entscheidung treffen. Manchmal denke ich, die jungen Kollegen wollen nur ein Praktikum bei mir machen. Was meinen Sie dazu, Herr Kollege?“

 

Die Antwort von Professor Dornfeld kam umgehend: „Mein Eindruck ist, die jungen Kollegen wollen schon ärztlich arbeiten, aber zu anderen Bedingungen. Sie wollen arbeiten im Einklang mit ihren eigenen Bedürfnissen. Eine junge Kollegin hat einmal zu mir gesagt: Wir brennen für die ärztliche Tätigkeit, aber nur wenn Sie uns gefällt. Wir wollen uns einfach im Job nicht versklaven lassen, so wie es in der Vergangenheit geschehen ist.“

 

Nach dem Mittagessen macht Professor Luitmar seine Privatsprechstunde. In der Regel kommen hier vernünftige Eltern mit gut erzogenen Kindern.

Unterschiedliche Wertevorstellungen am Nachmittag ...

Um 16:00 Uhr kommt die Assistentensprecherin Frau Dr. Linsenbusch zu ihm. Frau Dr. Linsenbusch ist schon mehrere Jahre im Haus. Grundsätzlich schätzt er sie, weil sie stets einsatzbereit und engagiert ist. „Nun, Frau Dr. Linsenbusch, ich vermute, was jetzt auf mich zukommt“, so beginnt der Professor das Gespräch.

 

„Ich weiß nicht was Sie meinen, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Ich vermute aber, es ist nicht das, was Sie erwarten, Herr Professor Luitmar. Ich muss Ihnen leider Folgendes sagen: ich schaffe das hier in der Klinik nicht mehr! Ich möchte es auch nicht mehr, Dienste am Wochenende machen, die eine Dauer von 12 Stunden haben. Zusätzlich zu den 12-Stunden-Diensten habe ich noch eine einstündige Hin-/und Rückfahrt, sodass ich in der Regel mehr als 14 Stunden an diesen Diensttagen unterwegs bin. Unter welchen Bedingungen wir hier in dieser Klinik arbeiten, ist nicht mehr menschenwürdig. Andere Kliniken haben sich da längst an die Bedürfnisse der Assistenzärzte angepasst. Wir haben dieses Thema auch schon im Team besprochen, und alle sind der Meinung, dass sich hier etwas tun muss. Das gesamte Team hat mich beauftragt, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie das möglichst rasch ändern. Wir haben außer unserem Job in der Klinik auch noch den Wunsch nach Selbstverwirklichung. Zusätzlich benötigen wir mehr Zeit für Familie und Freunde, und wir brauchen mehr Flexibilität. Selbstverständlich sind wir gerne bereit, engagiert zu arbeiten, aber wir benötigen eine neue, zeitgemäße Struktur unserer Arbeitszeiten.“

 

Während die Assistenzärztin spricht, legt Professor Luitmar sichtlich erstaunt seine Lesebrille zur Seite und erwidert dann: „Ich bin total überrascht und entsetzt. So etwas hat noch nie eine Ärztin in meiner Klinik zu mir gesagt. Ich bin der Überzeugung, dass sie alle froh sein können, dass Sie in einer so tollen und renommierten Klinik Ihre Facharztweiterbildung machen dürfen. Ich bin schließlich dafür verantwortlich, dass Sie alle eine gute medizinische Ausbildung bekommen, und die gibt es nun einmal nicht in einem 8-Stunden-Tag. Handouts für Ihre Ausbildung, Curricula und Stationsanweisungen helfen nichts, wenn sie nicht Erfahrungen am Patienten machen und sich voll reinhängen.“

 

Frau Dr. Linsenbusch erwidert: „Ich glaube, zwischen Ihren und unseren Wertevorstellungen bestehen grundsätzliche Unterschiede. Unsere Berufstätigkeit soll uns Anerkennung bringen, und wir wollen bei der Arbeit Spaß haben. Zusätzlich wünschen wir uns Einfluss auf Entscheidungen. Meine Berufstätigkeit bedeutet mir viel und ich möchte dennoch nicht auf ein gutes Leben verzichten“.

 

Professor Luitmar begreift, dass weiteres Sprechen hier keinen Sinn macht. Er steht auf, öffnet seine Tür und sagt zu Frau Dr. Linsenbusch: „Ich bin geschockt von Ihrem Egobedürfnis, schließlich machen wir Medizin für Patienten und deren Eltern. Es ist unsere Pflicht, diese Patienten gut zu versorgen. Unsere eigenen Bedürfnisse müssen wir einfach zurückstellen. Frau Dr. Linsenbusch, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Sie werden von mir hören.“

... und alte Gepflogenheiten am Abend

Gegen 18:00 Uhr macht Professor Luitmar noch eine Runde durch seine Klinik, um zu schauen, ob die Ärzte noch seine medizinische Unterstützung auf den Stationen benötigen. Auf den Stationen wird der Professor dann von einigen Müttern angesprochen mit der Frage, wie es mit ihrem kranken Kind weitergehe. Schließlich sagt er dann zu den Schwestern, sie mögen den Stationsarzt holen, damit er sich um die Fragen der Mütter kümmere. Zum Erstaunen des Professors sagt die Schwester dann: „Herr Professor, die Stationsärzte sind schon nach Hause. Ich glaube, die sind so gegen 16:35 Uhr gegangen. Seitdem habe ich hier keinen mehr gesehen. Wir können höchstens den diensthabenden Assistenzarzt holen. Möchten Sie das?“ Dankend verneint Professor Luitmar und verlässt umgehend die Station.

 

Gegen 19:00 Uhr ist Professor Luitmar wieder in seinem Zimmer angekommen. Bevor er nach Hause geht, führt er noch einige Telefonate, diktiert ein paar Mails und schaut sich zwei wissenschaftliche Artikel an, die er sich herausgesucht hatte. Sein Eindruck ist allerdings, dass diese Studien nicht mehr die Qualität hatten, die früher üblich war und aus diesem Grunde liest er die Artikel gar nicht zu Ende.

Diskussionen ‒ Jetzt auch noch zu Hause

Gegen 20:00 Uhr macht er sich dann auf den Weg nach Hause. Seiner Frau erzählt er dann, dass es ein schwieriger Tag für ihn war und er erläutert kurz was vorgefallen ist. Als dann seine Frau noch sagt: „Friedrich, ich glaube es wird Zeit, dass Du Dich mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzt. Wir haben als junge Leute doch auch nein gesagt, z. B. zum Krieg in Vietnam. Ich habe die Frauenbewegung unterstützt, und mich aktiv beim Ausstieg aus der Atomkraft eingebracht. Diese jungen Leute, habe ich den Eindruck, kommen nicht wie wir laut daher, sondern sie machen das anders. Wer zieht denn heute noch fahnenschwenkend durch die Stadt oder wer rüttelt an den Konzerntoren globaler Unternehmen, wenn er die Gesellschaft verändern will? Ich habe den Eindruck, diese jungen Leute verändern unsere Gesellschaft, ohne auf die Barrikaden zu gehen.“

 

„Fängst Du jetzt auch noch an mich zu nerven!“, murrt Professor Luitmar seine Frau an. „Ich glaube Schatz, Du musst Dich da umstellen. Die alten Werte bekommst Du nicht auf die neue Generation verpflanzt, und die alle umzuerziehen, ist nicht möglich.“ „Was heißt hier umerziehen? Die sollen sich einfach nur an meine Anweisungen halten!“„Ich glaube, das ist genau das Problem. Du musst aufhören zu jammern, weil die jungen Ärzte einfach anders ticken als Eure Ärztegeneration.“

Nachdenklichkeit und Beginn der Neuorientierung

Wenige Wochen später kommt es zu einem zweiten Gespräch zwischen Professor Luitmar und Professor Dornfeld. Zunächst sprechen sie über den Geschäftsführer.

 

Professor Luitmar sagt: „Früher habe ich da drüben beim Geschäftsführer angerufen und ihm gesagt, was ich umgehend benötige, um gute Medizin für die Patienten zu machen. Dann gab es kein Wenn und Aber, oder auch der Satz Da müssen wir erst mal noch genauere Berechnungen machen tauchte nicht auf. Die haben einfach gemacht, was ich gesagt habe, und die Sache war in Ordnung. Heute muss man ja für jeden Bleistift einen Antrag stellen. Wir benötigen akut auf der Intensivstation neue CPAP-Anschlüsse und ich habe brav einen Antrag gestellt. Wissen Sie, was der Geschäftsführer mir geantwortet hat? Der Geschäftsführer schreibt mir, wenn ich von der Dringlichkeit so überzeugt wäre, solle ich die CPAP-Anschlüsse doch von meinem privaten Geld vorfinanzieren. Er habe zurzeit keine Investitionsmittel mehr zur Verfügung.“

 

Professor Dornfeld erwidert: „Also bevor wir dieses riesige Thema Verwaltung und deren Sinnhaftigkeit jetzt anfangen zu besprechen, möchte ich noch einmal auf Ihr Bewerbungsgespräch zurückkommen. Darüber habe ich noch einmal nachgedacht. In den Krankenhäusern bewerben sich heutzutage frisch approbierte Ärzte mit einem Lebensalter von 24 bis 26 Jahren. 80 Prozent dieser frisch approbierten Ärzte sind Frauen. Sie bewerben sich auf die vielen offenen Stellen, die wir je nach Fachabteilung nicht besetzen können. Wir stellen dann diese jungen Ärzte ein, und plötzlich stellen die fest, wie wenig attraktiv dieser Arbeitsplatz im Krankenhaus für sie ist. Die Kliniken sind weiterhin streng hierarchisch strukturiert. Sie bieten eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie können vereinbarte Freizeiten nicht immer garantieren. Die Arbeitszeiten, die wir anbieten müssen, sind für die jungen Ärzte nicht attraktiv. Werden diese jungen Ärzte dann gefragt, was sie sich im Krankenhaus wünschen, so ergeben sich in der Regel immer dieselben Forderungen. Sie sagen dann: Wir wollen uns am Arbeitsplatz selbst verwirklichen. Wir wollen, dass uns die Arbeit Spaß macht, und unser gesamtes Wohlbefinden darf bei der Arbeit nicht leiden. Zusätzlich fragen sie sich, ob es zielführend für sie ist, bei Chefärzten zu arbeiten, die noch führen, wie sie selber einmal geführt wurden. Aus den genannten Gründen wollen die Kollegen hospitieren, um ein wenig die Stimmung im Team aber auch unser Führungsverhalten zu erfassen. So einfach ist die Erklärung. Wir Chefärzte sind auf dem Prüfstand der jungen Kollegen.“

 

„Ich hatte neulich ein interessantes Gespräch mit einem Facharzt. Ich habe gefragt: „Was wünschen Sie sich von mir als ihrem Chef?“

 

Daraufhin hat er geantwortet: „Zunächst einmal finde ich es toll, dass Sie diese Frage überhaupt stellen. Ihr Vorgänger hat hier jahrelang überhaupt keine Fragen gestellt, sondern immer nur seine Lösungen präsentiert. Wir jüngeren Ärzte haben uns da nie richtig wohlgefühlt, was dazu geführt hat, dass es hier in der Abteilung zu einer hohen Fluktuation von Ärzten gekommen ist. Es ist ja nicht so, wie Ihr Vorgänger das dargestellt hat, dass wir nicht arbeiten wollen. Wir wünschen uns mehr Aufmerksamkeit, mehr Wertschätzung und mehr Fürsorge. Wir sind aufgewachsen in einem Dschungel der vielfältigen Optionen und haben gelernt, möglichst lange zu warten, bevor wir eine Entscheidung treffen. Für uns ist Multikulti ganz normal, und wir sind die erste Generation, die vom Kleinkindalter bis heute mit Computern, Tablets, Smartphones, Google, Apple, Facebook und Twitter aufgewachsen ist. Das Lesen von Büchern und Zeitungen war gestern, wir ziehen unsere relevanten Informationen aus dem Netz. Wir brauchen ständiges Lob und ein konstantes Feedback mit der Chance, ständig Bonuspunkte zu sammeln, wie in einem guten Computerspiel.“

 

Kollege Dornfeld merkt wie Professor Luitmar immer stiller wurde. Plötzlich sagt er: „Huh, das sind ja stramme Wünsche. Neulich hatte ich eine Situation, da bin ich ja fast geplatzt. Ich hatte meine Sekretärin gebeten, bei einer Kollegin, die auf der neonatologischen Intensivstation arbeitet, die neuesten Zahlen für unsere Neonatologie aus dem Qualitätsbericht der Ärztekammer zu besorgen. Weil die Kollegin im Freizeitausgleich war, schrieb meine Sekretärin ihr eine E-Mail mit folgendem Inhalt: „Der Chef sucht dringend die neuesten Zahlen zu unserer Neonatologie. Bitte ganz schnell raussuchen, ausdrucken und mailen. Vielen Dank für Deine Mühe.“

 

Am nächsten Tag hatte meine Sekretärin dann folgende Antwort: „Liebe Jana, bin heute nicht dazu gekommen, die Zahlen rauszusuchen. Tut mir fürchterlich leid. Ganz liebe Grüße.“

 

Ich fand das ungeheuerlich. Als ich die Kollegin dann darauf angesprochen habe, war sie geknickt und meinte, wo denn mein Problem wäre, schließlich hätte sie doch sofort geantwortet. Außerdem müsste ich doch als ihr Chef wissen, dass sie zurzeit arbeitstechnisch so viele andere Dinge zu erledigen habe. Ihr Lösungsvorschlag wäre, dass sie mir die Zahlen in einigen Tagen gibt, oder dass ich sie mir selber raussuche, wenn es so dringend sei.“

 

Professor Dornfeld erwidert: „Wir müssen den Blickwinkel der jungen Ärzte einnehmen. Diese sogenannte Generation Y hat hohe Erwartungen an ihren potentiellen Arbeitgeber. Ihre Vorstellung ist, dass sie einen Dialog auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten führen können. Zusätzlich erwarten die jungen Ärzte von uns, dass wir ihnen eine hohe Transparenz von Informationen bieten. Wichtig ist auch eine individuelle Förderung, damit sie eine möglichst gute Ausbildung in den Kliniken bekommen. Zusätzlich sollen die Chefs es noch schaffen, ihnen Anerkennung und Unterstützung zu gewähren. Der alte Satz Nicht geschimpft, ist genug gelobt ist somit in der heutigen Zeit völlig obsolet.“

 

Professor Luitmar fragt laut: „Ja aber, Herr Kollege, finden Sie denn nicht, dass diese Forderungen völlig überzogen sind? Wir älteren Kollegen haben doch ganz andere Erfahrungen. Wir sind aufgewachsen in einer Zeit mit Krisen ohne Ende. Wir hatten enorme Schwierigkeiten eine Stelle im Krankenhaus zu finden. Teilweise haben wir zunächst als Gastarzt oder Hospitant voll gearbeitet in der Hoffnung, irgendwann einmal in ein festes Arbeitsverhältnis reinzurutschen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo auf meinem Chefschreibtisch hunderte von Bewerbungsmappen lagen, obwohl ich nicht eine einzige Assistenzarztstelle zu vergeben hatte. Müssen denn die jungen Leute sich nicht auch an uns anpassen? Oder ist das ausschließlich Aufgabe der älteren Generation?“

 

Professor Dornfeld meint: „Aus Ihrem Blickwinkel haben Sie natürlich recht, allerdings gibt es ein großes Problem. Wenn Sie die gesamte Arbeit in Ihrer Klinik nicht alleine machen wollen, brauchen Sie ständig neue ärztliche Kollegen. Diese ärztlichen Kollegen bekommen wir aber nur, wenn wir uns auf die neuen Gegebenheiten einlassen, einen neuen Kommunikationsstil pflegen und uns ständig einer Selbstreflexion unterwerfen.“

 

Professor Luitmar: „Sie meinen also, ich muss mich total umstellen und den jungen Ärzten nach dem Mund reden?“

 

Professor Dornfeld: „Naja, so würde ich es nicht sagen. Ich erinnere mich an einen alten Indianerspruch, den ich in meiner Jugend in irgendeinem Buch gelesen habe. Dort stand: Laufe eine Weile in den Mokassins deines Feindes. Erst dann wirst du verstehen wie du mit diesen Menschen umgehen solltest.

Neue Erkenntnisse ‒ Führung auf dem Prüfstand

Das Gespräch mit dem jüngeren Chefarztkollegen Herrn Dornfeld ließ Professor Luitmar in den folgenden Tagen nicht mehr los. Was hatte er eigentlich bisher verstanden, fragte er sich. Klar geworden ist ihm, dass die jungen Ärzte ihre Karriere neu definierten. Zusätzlich haben sie den Wunsch mehr Freizeit für sich und ihre Familie zu haben. Wie das umgesetzt werden sollte, ist ihm aber schleierhaft.

 

Am Wochenende ist Professor Luitmar zu einem Kongress gefahren. Das Thema lautet: „Wie führe ich meine ärztlichen Mitarbeiter in der heutigen Zeit?“ Vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass er zu einem solchen Kongress fährt, hatte seine Frau ihm am Morgen zugerufen. Die Referenten berichten zunächst über die Studienausbildung der jungen Ärzte. Sie weisen daraufhin, dass das gesamte Medizinstudium inzwischen sehr verschult ist, sehr viel theoretisches Wissen erlernt werden muss. Die Fähigkeit selbständig zu arbeiten, eigene Entscheidungen zu treffen, und auch Verantwortung für medizinische Sachentscheidungen zu übernehmen, würde kaum vermittelt.

 

Neu für Professor Luitmar ist auch die Information, dass 60 Prozent der Ärzte Teilzeit arbeiten möchten, ggf. noch ein weiteres Studium oder/und ein Sabbatical anstreben.

 

Auf die Frage, was die jungen Ärzte sich von ihrem zukünftigen Arbeitgeber wünschen, wurden folgende Zahlen präsentiert. 64 Prozent der jungen Ärzte gaben an, für sie sei eine kollegiale Arbeitsatmosphäre, die Akzeptanz von Work-Life-Balance (60 Prozent) und eine gute Förderung (50 Prozent), die entscheidenden Faktoren um sich für eine Klinik zu entscheiden.

 

Innerhalb seines Teams spricht Professor Luitmar am nächsten Tag folgendes Thema an: Welche Bedeutung haben Geldanreize für Ihre Arbeit?, Würden Sie auf Geld für die Nachtdienste verzichten, wenn Sie mehr Freizeit bekommen würden?

 

Die anschließende Diskussion entwickelt sich zunächst sehr zögerlich. Nach einer Weile bittet Professor Luitmar um eine Abstimmung. Alle Assistenten stimmen für mehr Freizeit. Oberärzte hingegen wünschen sich, ihre Hintergrunddienste weiter bezahlt zu bekommen.

Das staunende Lernen geht weiter und es ergeben sich neue Erkenntnisse

Professor Luitmar erzählt beim nächsten Treffen mit Professor Dornfeld Folgendes: „Naja, das Thema Führung durch Chefärzte aber auch das Führungsverhalten von Oberärzten ist für mich sehr relevant geworden. Was ich bisher verstanden habe, ist, dass die Rezepte von gestern für die Zukunft wenig tauglich sind. Meine Frage ist jetzt mehr: Was erwarten die jungen Kollegen von uns als ihren Chefs?“

 

„Nicht ganz einfach, eine Antwort zu finden und sie im Alltag umzusetzen“, meint Herr Dornfeld. „Ich denke, wir müssen uns besser vorbereiten auf das, was auf uns zukommt. Wir müssen den jungen Ärzten ein persönliches, individuelles Coaching anbieten. Unser Hinweis, dass früher alles besser war und wir viel mehr gearbeitet haben, will keiner mehr hören.“

 

Jetzt unterbricht Professor Luitmar seinen Kollegen: „Aber was mache ich denn, wenn die älteren Oberärzte mir glatt sagen, dass sie nicht bereit sind, bei den Assistenzärzten ein Programm zur Kinder- und Jugenderziehung durchzuführen? Medizinische Defizite würden sie versuchen auszugleichen, aber für Motivation und Eigenleistung seien sie nicht zuständig. Neulich meinte ein Oberarzt Die jungen Kollegen sollen mich nicht endlos nerven, die spinnen doch total. Wie können Sie nur solche Leute einstellen?

 

„Da fällt mir gerade Folgendes ein. Ich fand das toll, was ein jüngerer Kollege neulich zu einem meiner Oberärzte gesagt hat. Er sagte: Ihr Älteren könnt uns doch dankbar sein, denn eigentlich wollt ihr auch anders arbeiten. Ihr wünscht euch doch auch mehr Flexibilität und Freiräume, sehnt euch nach regelmäßigem Feedback und klaren Perspektiven in dieser Klinik. Wir kämpfen also nicht nur für unsere Generation, sondern wir kämpfen auch für Euch älteren Kollegen. Ihr konntet diesen Kampf damals nicht gewinnen. Unser Nein heute mit den neuen Spielregeln werden aber die Kliniken akzeptieren müssen, weil wir jungen Ärzte Mangelware sind. Was ihr nicht geschafft habt, werden wir nun still und leise in den Kliniken durchsetzen. Praktischerseits sieht das bei uns so aus, dass ich inzwischen mehrere Oberärzte habe, die auch Teilzeit arbeiten möchten.“

 

„Okay, lassen wir das jetzt einfach mal so stehen und überlegen gemeinsam, was wir denn verbessern können“, unterbricht Professor Luitmar seinen Kollegen. „Könnte denn vielleicht der Hinweis helfen, dass wir gemeinsam mit unserer Arbeit eine wichtige und ausfüllende ärztliche Mission haben? Es wird doch niemand von uns gezwungen, diese interessante ärztliche Tätigkeit durchzuführen. Wir haben uns unseren Beruf alle freiwillig ausgesucht. Unsere ärztliche Tätigkeit bietet uns die Chance der eigenen Selbstverwirklichung, was ja nicht in allen Berufen möglich ist.“

 

Professor Dornfeld erwidert: „Ich glaube es würde schon helfen, wenn wir den jüngeren Ärzten ihre Karriereplanung selber überlassen würden. Wir sollten nicht mit dem ausgezogenen Zeigefinger unterwegs sein und sie mit Schuldzuweisungen konfrontieren. Ich habe meine Vorgehensweise etwas umgestellt. Grundsätzlich verteile ich nur noch kleine, in sich geschlossene Päckchen von Aufgaben. Weiterhin achte ich auf sehr viel Transparenz und Gerechtigkeit, wenn neue Aufgaben zu verteilen sind. Helfen kann auch der Hinweis, dass diese Aufgaben nur auf Zeit vergeben werden. Ich muss als Chef wesentlich geduldiger sein und kann nicht erwarten, dass meine Ideen einfach von der Arztgruppe unkommentiert umgesetzt werden.

 

Professor Luitmar mischt sich wieder ein: „Ja, aber wie lösen Sie denn ein einfaches aber ständig auftretendes Problem? Wenn zum Beispiel krankheitsbedingt die Dienste am Wochenende neu zu verteilen sind?“

 

Professor Dornfeld: „Naja, das ist natürlich ein kritisches Problemfeld. Zumindest kann ich von ihnen nicht einfach erwarten, dass einer sein freies Wochenende aufgibt, nur weil ein anderer krank geworden ist. Ich als Chef der Klinik repräsentiere den Arbeitgeber, ich kann nachvollziehen, warum das akut aufgetretene Problem der Klinik nicht zu seinem persönlichen Problem werden soll. „Was soll das bedeuten?“ fragt Professor Luitmar.

 

„Das bedeutet nichts anderes, als dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Kollege einfach für einen kranken Kollegen einspringt. Ich kann das als Chef nur noch bedingt erwarten und somit auch nicht mehr ohne Weiteres anordnen, ohne das Risiko persönlicher Verletzungen. Ich als Chef habe die Aufgabe, Bonuspunkte für den Einspringenden zu besorgen und zu verteilen. Das kann bedeuten, dass eine materielle oder ideelle Belohnung fällig wird. Ich glaube, je strukturierter und verbindlicher unsere Angebote sind, und je klarer wir sie kommunizieren, desto größer wird die Chance, die jungen Ärzte zu erreichen. Hiermit erzielen wir Bindung, Motivation und Akzeptanz im Team. Dazu ist es natürlich notwendig, dass Oberärzte und vor allen Dingen Chefärzte ihren Kommunikationsstil grundsätzlich überarbeiten. Die wichtigste Forderung der jungen Ärzte an die Chefärzte ist: zeigen Sie Offenheit, Toleranz, Transparenz und Gerechtigkeit.“

 

Professor Luitmar: „Hier möchte ich aber noch einmal nachfragen, Herr Kollege. Wie erzeugen Sie denn nun das von den jungen Kollegen so gewünschte freundliche Arbeitsklima?“

 

Hierauf antwortet Professor Dornfeld mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Naja, auch hier gibt es natürlich kein Patentrezept. Allerdings habe ich gute Erfahrungen gemacht mit sogenannten Spontanfeedbacks. Keine großen angesetzten Termine, sondern kleine verbale Aufmerksamkeiten können schon helfen. Die Droge der Anerkennung für eine geleistete Arbeit, die Unterstützung bei einem bestimmten Projekt oder die gemeinsame Karriereplanung sind wichtige Turbos für ein gedeihliches Arbeitsklima. Belobigungen, die nur einmal im Jahr im sogenannten Mitarbeitergespräch stattfinden, reichen nicht aus, sondern es sind die ständigen kleinen Aufmerksamkeiten, die zielführend sind.“

 

„Meinen Sie, es könnte auch zu positiven Effekten kommen, wenn wir als Chefs nicht mehr so viel von oben herab anordnen, sondern eher um Hilfestellungen bitten?“, fragt Professor Luitmar nun. Professor Dornfeld: „Ja, das glaube ich. Ich fordere permanent Verbesserungsvorschläge ein, lasse sie mir dann genau erklären und begleite dann die jüngeren Kollegen in der kleinschrittigen Umsetzung.“ „Und wenn das dann nicht klappt, weil niemand sich bewegt, oder niemand Zeit hat? Was machen Sie denn dann?“, wendet Professor Luitmar ein.

 

Professor Dornfeld: „In dem Falle frage ich mich zunächst, ob ich das Projekt im Vorfeld ausreichend gut kommuniziert habe. Vielleicht gelingt es durch die Neuformulierung, neue Chancen und Wege darzustellen, um die Mitarbeiter auf diesem Weg zu motivieren. Ich rege mich auch nicht über die permanenten Störereignisse hier auf. Für mich gilt der Satz: Die neue Stabilität des Systems ist die Instabilität. Ich differenziere heute viel mehr zwischen fachlichem und menschlichem Führen. Meine feste Überzeugung ist es, dass die persönliche Wertschätzung der wichtigste Attraktivitätsfaktor ist, um Mitarbeiter ins Haus zu holen und sie hier zu binden.“

 

Professor Luitmar sagt dann: „Ich schaue gerade auf meine Uhr und stelle fest, dass es schon 19:00 Uhr ist. Ich habe meiner Frau fest versprochen, heute um diese Zeit zum gemeinsamen Abendessen zu Hause zu sein. Das wird bestimmt eine enorme Überraschung für sie sein, wenn ich pünktlich bin. Als Erstes wird sie mich wahrscheinlich fragen, ob etwas Schlimmes passiert ist.“

 

Abschließend sagt Professor Dornfeld dann zu seinem Kollegen: „Mein Eindruck ist immer mehr, dass die älteren Kollegen, die in die Selbstreflexion mit sich selber gehen, sehr schnell begreifen, dass es an ihnen liegt, sich auf die neuen Zeiten einzulassen. Es ist es nützlich, ein Bündnis mit den jungen Kollegen einzugehen, weil sich daraus die Chance entwickelt, sich selber rasch und nachhaltig weiterzuentwickeln. Bei Ihnen, Herr Kollege, merke ich jetzt schon die Wirkung der Droge Neue Wertevorstellung der Ärzte. Alle Achtung! Wenn das so weitergeht, werden Sie wahrscheinlich bald die Geschäftsführung um ein für Sie persönliches Sabbatical bitten, um Ihre persönliche Mitte zu finden!“

 

Professor Luitmar erwidert mit einem kleinen Augenzwinkern: „Naja, ganz soweit bin ich wohl doch noch nicht. Aber Freude würde mir so ein Sabbatical schon machen. Warten wir ab, was die nahe Zukunft bringen wird.“

Quelle: ID 46699720