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· Fachbeitrag · Flüchtlinge

Refugees welcome - Flüchtlingsfrauen richtig verstehen

von Derya Zeyrek, sentez - Texte | Übersetzungen | Diversity, Köln

| Unter Flüchtlingen sind Frauen häufiger von Gewalt betroffen als Männer. Für die Kommunikation in der Praxis gilt: achtsam sein und angemessen reagieren. Erfahren Sie hier, welche Spuren die Flucht bei Frauen hinterlässt, wie Sie Ihren Kommunikationsstil adäquat anpassen können und auf welche Hilfsangebote Sie Ihre Patientinnen hinweisen können. |

Frauen flüchten anders als Männer

Neben Krieg, Unterdrückung oder politischer Verfolgung sind Flüchtlingsfrauen noch anderen Gefahren ausgesetzt als Männer. Die psychische, körperliche und psychosoziale Belastung der Frauen setzt sich auch während der Flucht und danach fort:

 

  • Anders als Männer, verlassen viele Frauen ihre Heimat, um einer Zwangsheirat, häuslicher Gewalt oder dem Menschenhandel zu entkommen.

 

  • Nach Angaben von amnesty international werden viele Frauen auf der Flucht sexuell missbraucht oder vergewaltigt (Bericht vom Januar 2016 online unter http://tinyurl.com/jrfgcaa).

 

  • Auch nach ihrer Ankunft in einem sicheren Land erfahren die Frauen weiterhin Gewalt. In Erstunterkünften stellen Frauen stets die Minderheit dar. Duschen und Toiletten sind meist nicht nach Geschlechtern getrennt, die Türen können nicht abgeschlossen werden. Beste Voraussetzungen für sexuelle Übergriffe, die Männer in den Flüchtlingsunterkünften ausnutzen.

 

MERKE | Auch die aktuelle Statistik des Bundesamts für Flüchtlinge und Migration (BAMF) spiegelt die Überzahl der Männer in den Erstunterkünften wider: Im Januar 2016 wurden rund zwei Drittel der Asylanträge von Männern gestellt, nur ein Drittel von Frauen (Statistik des BAMF online unter http://tinyurl.com/q6arckc).

 

Kommunikation: Fingerspitzengefühl gefordert

Der Umgang mit Flüchtlingsfrauen erfordert Feingefühl: Viele Frauen brauchen Zeit, bis sie die schrecklichen Erfahrungen überwunden und verarbeitet haben. Andererseits ist nicht jede von ihnen betroffen. Suchen sie also nicht bei jeder Frau mit Migrationshintergrund nach Spuren von Traumatisierung.

 

PRAXISHINWEIS | Generell gilt: Betrachten Sie die Frauen nie als Opfer. Sie haben sehr mutige Entscheidungen für ihr Leben getroffen und steinige Wege überwunden. Vertrauen Sie auf die Ressourcen und die Kompetenzen der Frauen.

 
  • Kommunikation mit Flüchtlingsfrauen: praktische Hinweise
  • Tasten Sie sich im Zweifel vorsichtig heran, bevor Sie zu viele kritische Fragen stellen. Die direkte Frage nach dem Herkunftsland kann beim Patienten Panik auslösen. Fragen Sie stattdessen, welche Sprachen die Patientin spricht.

 

  • Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche sind typische Anzeichen von psychischer Überlastung. Wenn die Patientin z. B. einen Termin versäumt hat ,weisen Sie freundlich darauf hin, ohne sie zu tadeln. Vermutlich wird sie den Termin nicht wegen kultureller Differenzen vergessen haben, sondern, weil ihr Leben noch nicht sehr aufgeräumt ist.

 

  • Ist Körperkontakt unbedingt notwendig, kündigen Sie diesen an. Sollten Sie bei der Patientin Anzeichen von plötzlicher Unruhe erkennen, verschieben Sie die Untersuchung nach Möglichkeit lieber auf einen späteren Termin.

 

  • Erkundigen Sie sich, ob die Patientin damit einverstanden ist, von einem Arzt oder männlichem Pflegepersonal behandelt/untersucht zu werden.

 

  • Weisen Sie schwangere Flüchtlingsfrauen auf die Möglichkeiten der Vor- und Nachsorge in der Schwangerschaft hin, die andernorts nicht selbstverständlich sind. Erzählen Sie Flüchtlingsfrauen, dass
    • sie während der Schwangerschaft und nach der Geburt zu Hause von einer Hebamme betreut werden können,
    • sie den Ort ihrer Geburt (Krankenhaus, Geburtshaus, zu Hause etc.) selbstbestimmt wählen können,
    • die Geburt vorrangig von Hebammen begleitet wird und dass
    • sie während der Schwangerschaft regelmäßig zu ärztlichen Untersuchungen gehen sollten.

 

  • Allgemeine Hinweise zur Kommunikation finden Sie in PPA 12/2015, Seite 19, Hilfen zur Regelung von Konflikten in PPA 02/2016.

 

  • Einen kostenlosen Dolmetscher können Sie unter https://arztkonsultation.de/ fluechtlinge-verstehen per Internet in Ihre Sprechstunde einschalten (siehe PPA 02/2016, Seite 1).
 

Hilfsangebote für Flüchtlingsfrauen

Vielleicht brauchen Ihre Patientinnen auch Unterstützung, die die Möglichkeiten einer Arztpraxis übersteigt. Wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, können Sie sie auf eines der folgenden Hilfsangebote verweisen.

 

  • Unterstützungsangebote für Frauen

 

  • Das Hilfetelefon für Frauen: Telefon: 0800 0116016. Bei Bedarf können Dolmetscherinnen zugeschaltet werden (www.hilfetelefon.de). Den Flyer können Sie in den Sprachen Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch und Türkisch herunterladen/bestellen und in Ihrer Praxis aushängen.
 
Quelle: Ausgabe 03 / 2016 | Seite 14 | ID 43878377