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Krisenberatung
Alarmzeichen für die Krise einer Arztpraxis
von RA Philip Christmann, FA Medizinrecht, Berlin, www.christmann-law.de
Arztpraxen sind komplexe wirtschaftliche Gebilde, deren Erfolg teilweise von schwer bestimmbaren wirtschaftlichen Faktoren (beispielsweise der Abrechnung gesetzlich versicherter Patienten) beeinflusst wird. Aufgrund der Komplexität geht dem Arzt oftmals der Überblick über die Wirtschaftlichkeit der Praxis verloren. Dieser Artikel soll dem Berater einen Überblick über die Alarmzeichen für eine Krise der Arztpraxis geben und ihm somit ein frühzeitiges Eingreifen ermöglichen.  
1. Alarmzeichen auf der ersten Stufe
Diese Warnzeichen sind für sich allein genommen für den Bestand der Arztpraxis ungefährlich. Alarmzeichen können in folgenden Bereichen entstehen: 
 
  • Wettbewerbssituation,
  • Vermögenssituation,
  • Finanzierung und Investition,
  • Kostensituation,
  • Liquidität/Entnahmen,
  • übrige Faktoren.
 
Kommen mehr als fünf dieser Warnzeichen zusammen, ist eine umfassende wirtschaftliche Bestandsaufnahme erforderlich. 
 
Wettbewerbssituation
  • Es gab keine Standortanalyse.
Der Gründung der Arztpraxis gingen weder eine Standortanalyse noch ein Businessplan oder eine Finanzplanung voraus.
 
  • Es herrscht eine erhebliche Konkurrenz am Standort.
Eine deutliche Überversorgung mit Fachärzten des gleichen Fachs im Zulassungsbezirk, sprich eine hohe Arztdichte, deutet darauf hin, dass es nicht möglich sein wird, den Umsatz zu steigern.
 
  • Die Praxis ist ganz überwiegend auf gesetzlich versicherte Patienten ausgerichtet.
Gefährlich ist auch eine im Verhältnis zu gesetzlich versicherten Patienten geringe Zahl von Privatpatienten (unter 3 %) sowie eine geringe Zahl von IGeL-Leistungen (Individuelle Gesundheits-Leistungen) oder sonstigen Zusatzleistungen (z.B. Akupunktur). Zu prüfen ist auch, ob der Arzt zumindest Zusatzeinnahmen durch Gutachten für Sozialgerichte oder Ähnliches erwirtschaften kann. Eine starke Fixierung auf die nur quartalsweise eingehenden und in der Regel nur gedeckelten Zahlungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) macht den Arzt von einer oft unberechenbaren und unstetigen Einnahmequelle abhängig.
Hinweis: Es ist zu berücksichtigen, dass der Arzt durch die Behandlung von mehr gesetzlich versicherten Patienten seine Einnahmen in der Regel nicht wesentlich erhöhen kann.
 
 
Vermögenssituation
  • Das Anlagevermögen steht faktisch nicht im Eigentum des Arztes.
Die Praxisausstattung steht ganz oder in wesentlichen Teilen unter Eigentumsvorbehalt.
 
  • Es gibt kein frei verfügbares Eigenkapital.
Solches kann z.B. auf einem Tagesgeldkonto als Kapitalreserve ruhen.
 
  • Es gibt keine vertraglichen Regelungen für Altverbindlichkeiten.
Der in eine Gemeinschaftspraxis eintretende Arzt haftet grundsätzlich für die dort bestehenden Altverbindlichkeiten der anderen Ärzte. Soweit die Ärzte im Innenverhältnis keine Haftungsfreistellung für Altverbindlichkeiten vereinbart haben und der eintretende Arzt auch diesbezüglich keine Risikoanalyse vorgenommen hat, kann der Arzt durch das Miteintretenmüssen für Altverbindlichkeiten der anderen Ärzte in die finanzielle Krise geraten. Diese Haftung kann nicht ausgeschlossen werden. Der eintretende Arzt kann aber mit den anderen Ärzten vereinbaren, dass diese ihn von Ansprüchen Dritter aus Altverbindlichkeiten freistellen.
 
Hinweis: In der Gemeinschaftspraxis (aber auch in einer Praxisgemeinschaft) muss der Arzt, auch wenn er selbst wirtschaftlich gesund ist, immer den wirtschaftlichen Zustand der Anderen im Blick haben und das nicht nur beim Eintritt. Denn geht einer der anderen Ärzte in die Insolvenz, wird die Gemeinschaftspraxis bzw. die Praxisgemeinschaft per Gesetz zwangsaufgelöst (§ 728 Abs. 2 BGB). Dies kann sehr nachteilige Folgen auch für den gesunden Arzt haben.
 
Finanzierung und Investition
  • Das Finanzierungsmodell ist anfällig.
Der Kauf von Arztpraxen wird in der Regel finanziert. Ist die Finanzierung so aufgebaut, dass die freien Mittel gerade ausreichen, um die laufenden Tilgungen zu bedienen, besteht das Risiko, dass bei Umsatzschwankungen die Tilgung stockt.
 
  • Der Arzt investiert seit längerem nicht mehr in die Praxisausstattung.
Dies ist bei geräteintensiven Arztpraxen (z.B. Radiologen, Zahnärzte) zu beachten. Der Ausfall älterer Geräte bringt dann den Praxisbetrieb zum Erliegen.
  • Es gibt keine elektronische Abrechnung.
Die Abrechnung ohne entsprechende Praxissoftware ist zeit- und damit kostenaufwändig und fehlerbehaftet. Zum einen können dadurch Einnahmen entgehen, zum anderen kann eine fehlerhafte Abrechnung zu teuren Regressen führen.
 
Kostensituation
  • Die Kostenstruktur ist ungesund.
Die Kosten für Miete und Personal dominieren deutlich die Ausgabenseite. Die Belastung mit Zinsen beträgt über 10 % des Umsatzes. Die Kosten verbrauchen über 60 % des Umsatzes.
 
  • Die Personalstruktur ist ungesund.
Hinweise auf eine ungesunde Personalstruktur geben etwa häufige Fehlzeiten oder ein überaltertes Personal. Problematisch sind auch:
 
Personalüberversorgung (z.B. 1 Arzt, 5 Hilfskräfte): Hier benötigt der Arzt zu viel Personal, um verwaltende Tätigkeiten zu bewältigen, oftmals bedingt z.B. durch eine fehlende oder veraltete elektronische Abrechnung oder Terminsverwaltung.
Personalunterversorgung (z.B. 1 Arzt, 1 Hilfskraft): Hier leistet der dafür überqualifizierte Arzt zu viel nichtärztliche Tätigkeit.
 
Liquidität, Entnahmen
  • Die Quartalszahlungen der KV schwanken erheblich.
 
  • Es gibt keine quartalsmäßige Liquiditätsplanung.
 
  • Der Arzt entnimmt wenig Gehalt.
Ein erster Indikator ist das Gehalt, das der Arzt aus der Praxis entnimmt. Oftmals beginnen Ärzte in Krisenzeiten zuerst am eigenen Gehalt zu sparen und weniger aus der Praxis zu entnehmen. Ärzte senken teilweise das Arztgehalt auch dauerhaft ab. Für den externen Berater ist es zuerst nicht einfach zu erkennen, ob das ausgezahlte Arztgehalt dem Üblichen entspricht oder ob er sich bereits einschränkt. Hier kann ein Vergleich zu dem üblichen Arztgehalt Klarheit bringen.
Vergleichsmaßstab: Bundesärztekammer
Die Bundesärztekammer setzt im Rahmen der Praxisbewertung entsprechend dem Umsatz folgende Arztgehälter für niedergelassene Ärzte an:
 
Praxisumsatz jährlich ab EUR 
Arztgehalt jährlich brutto in EUR 
240.000 
76.000 
215.000 
68.400 
190.000 
60.800 
165.000 
53.200 
140.000 
45.600 
115.000 
38.000 
90.000 
30.400 
 
Vergleichsmaßstab BAT
Bei den durchschnittlichen Gehältern (brutto) angestellter Ärzte ergibt sich folgendes Bild:
 
 
BAT-Gehalt 
p.a. (EUR) 
Gesamt- 
einkommen 
p.a. (EUR) 
Assistenzarzt (BAT II, 31 J., ledig) 
44.000 
55.000 
Facharzt (BAT Ib 38 J., verheiratet, 2 Kinder) 
56.500 
73.000 
Oberarzt (BAT I a, 45 J., verheiratet, 2 Kinder) 
68.500 
92.000 
 
aus: Walger/Köpf, „Einkommen von Krankenhausärzten“, Das Krankenhaus 12/2005
 
  • Der Arzt entnimmt seit mehr als zwei Jahren keine Gewinne.
Gesunde Praxen werfen Gewinn ab. Eine kurzfristige Enthaltsamkeit kann z.B. durch Investitionen oder eine einmalige Honorarschwankung begründet sein. Wird aber seit mehr als zwei Jahren kein Gewinn mehr entnommen, ist die Praxis unrentabel.
 
  • Es werden keine Rücklagen gebildet.
Rücklagen sind z.B. zum Ausgleich unerwarteter Medikamentenregresse sinnvoll.
 
Übrige Faktoren
  • Der Arzt ist über die wirtschaftliche Lage nicht im Bilde.
Der Arzt kennt die Zahlen seiner Praxis nicht (durchschnittlicher Umsatz GKV-Patienten und PKV-Patienten, durchschnittlicher Ertrag, Anteil Kosten am Umsatz, ungefähre Verbindlichkeiten und Laufzeiten von Darlehensverträgen etc.).
 
  • Es kommt zur Scheidung/Trennung von Lebenspartnern.
Die Trennung ist ein potenter Risikofaktor. Denn zum einen belastet sie den Arzt wirtschaftlich (Unterhaltszahlungen, Zugewinnausgleich, evtl. Auseinandersetzung sogar der Praxis, wenn der Partner an dieser beteiligt war). Zum anderen stellen Trennungen häufig eine erhebliche psychische Belastung dar, die die Arbeitskraft des Arztes erheblich mindert.
 
  • Streit mit Kollegen in der Gemeinschaftspraxis/Praxisgemeinschaft.
Das Gefahrenpotenzial solcher Streitigkeiten für den Erfolg der Arztpraxis wird i.d.R. von den Ärzten unterschätzt. So wird ein frühzeitiges Gegensteuern, insbesondere durch eine Verbesserung der internen Kommunikation, unterlassen und die Konflikte steigern sich bis zum - für alle beteiligten Ärzte einschneidenden - Zerfall der Gemeinschaft.
 
  • Die KV führt Wirtschaftlichkeitsprüfungen bzw. Abrechnungsprüfungen durch.
Vertragsärzte haben bei der Verordnung von Arzneimitteln bestimmte Grundsätze zu beachten. Zum einen sind sie gegenüber dem Patienten verpflichtet, nach aktuellem Stand der medizinischen Erkenntnisse die zur Heilung oder Linderung einer Krankheit erforderlichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen durchzuführen. Zum anderen sind sie zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Die Einhaltung des Wirtschaftlichkeitsgebots soll durch die gesetzlich vorgeschriebene Wirtschaftlichkeitsprüfung (§ 106 SGB V) gewährleistet werden.
 
2. Alarmzeichen auf der zweiten Stufe
Die wirtschaftliche Krise der Praxis kündigt sich an, hat aber noch nicht begonnen. Denn kurzfristige Zahlungsstockungen von bis zu einem bzw. drei Monaten bedeuten noch keine Zahlungsunfähigkeit i.S. von § 17 InsO
 
Anzeichen
  • Der Arzt nimmt Kredite zur Zahlung laufender Kosten auf.
Ein weiteres Alarmzeichen ist, wenn der Arzt für Darlehen vergleichsweise hohe Zinsen bezahlt. Denn dies weist auf einen schlechten bankinternen Scoring-Wert des Arztes und damit auf eine schlechte bankinterne Kredibilität/Risikoprognose hin. Damit verschlechtern sich die Aussichten des Arztes, später weitere Darlehen, z.B. für Investitionen, zu erhalten. Allerdings ist die Kredibilität von Ärzten nach den Erfahrungen des Autors vergleichsweise gut. Sie gelten in der Regel als verlässliche Schuldner.
 
  • Der Arzt überzieht häufig das Geschäftskonto.
 
  • Die laufenden Zahlungen z.B. für Miete und Personal erfolgen mit Verzug.
 
  • Mahnungen von Gläubigern, insbesondere: Verzug mit Steuerschulden.
 
  • Die Hausbank droht dem Arzt, das langfristige Kreditengagement wegen Gefahr der Zahlungsunfähigkeit zu kündigen.
 
3. Alarmzeichen auf der dritten Stufe
Bereits wenn mehr als zwei dieser Warnzeichen vorliegen, besteht eine erhebliche Gefahr für die Arztpraxis. Die Praxis ist zahlungsunfähig im Sinne von § 17 InsO, wenn die Praxis gegenüber den Gläubigern ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommt. 
 
Anzeichen
  • Der Arzt entnimmt kein laufendes Gehalt mehr.
 
  • Ein Kreditantrag des Arztes wird von der Bank abgelehnt. Die Bank stoppt die laufende Überziehung des Geschäftskontos.
 
  • Der Ehegatte/Partner bringt sein Einkommen in die Praxis ein, um laufende Kosten zu begleichen und damit die Praxis zu unterstützen.
 
  • Die KV fordert Honorar zurück.
 
  • Die Hausbank kündigt das langfristige Kreditengagement.
 
  • Das Personal wird nicht mehr bezahlt.
 
  • Die Praxismiete wird nicht mehr bezahlt.
 
  • Gläubiger des Arztes erwirken Mahnbescheide oder verklagen den Arzt auf Zahlung.
 
4. Merkmale der vierten Stufe
In dieser Stufe kann man nicht mehr von Warnzeichen sprechen, sondern nur noch von Begleitumständen des Untergangs der Praxis. Jetzt ist ein Gegensteuern nur noch unter erheblichen Kraftanstrengungen möglich, insbesondere in Form der Zuführung erheblichen Kapitals. 
 
Merkmale
  • Die Sozialabgaben werden nicht mehr bezahlt.
 
  • Die Gläubiger holen Gegenstände, die sie dem Arzt unter Eigentumsvorbehalt geliefert haben, ab oder verlangen diese heraus.
 
  • Die Gläubiger vollstrecken gegen den Arzt.
 
  • Personal wird gekündigt oder kündigt von sich aus.
 
 
Weiterführende Hinweise
  • van Zwoll et al.: Die Arztpraxis in Krise und Insolvenz (Juli 2011)

Quelle: Praxis Freiberufler-Beratung, Ausgabe 8/2011, Seite 225

Wichtiger Hinweis: Der Inhalt ist nach bestem Wissen und Kenntnisstand erstellt worden.
Die Komplexität und der ständige Wandel der in ihm behandelten Materie machen es jedoch erforderlich, Haftung und Gewähr auszuschließen.


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